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GERALD ENZINGER

GERALD ENZINGER

Honda ist (k)ein Wunder

Warum Hondas Sensation in Bahrain erst der Anfang einer Erfolgsgeschichte war.
Danke, Honda! Treue Motorprofis-Leser hatten es bemerkt: Wir waren in den vergangenen Monaten mit unserer Berichterstattung über den unerwarteten Deal zwischen Toro Rosso und dem japanischen Giganten in der Formel 1 eher als mediale Geisterfahrer wahrnehmbar. Weil wir im Gegensatz zu den meisten an den Erfolg dieses Projektes glaubten, während viele sich Hunderte Memes in sozialen Netzwerken darüber lustig machten, dass Toro Rosso freiwillig auf die lange so verufenen Honda-Motor setzt.
Jenen Honda-Antrieb, der seit Jahren von den langjährigen eigenen Partnern McLaren und Fernando Alonso weltweit der Lächerlichkeit preisgegeben wurde - als angeblich Alleinschuldiger daran, dass die zweite Ehe zwischen McLaren und Honda (aller Historie zum Trotz) in einem Fiasko endete. Die WM-Endplatzierungen 10/15/17 zeugen von einem Desaster in dieser Zusammenarbeit dreier Weltmeister (Noch mal: McLaren! Honda! Alonso!).
Und nun raste der bis dahin völlig unbekannte junge Franzose Pierre Gasly im erst zweiten Rennen der Kooperation Toro Rosso / Honda auf den vierten Platz in Sakhir - und das mit einem klaren Vorsprung auf den fünften Kevin Magnussen. Die McLaren (nun mit Renault-Power) kamen nur auf die Ränge 7 und 8 und waren auch im Qualifying klar hinter Gasly.
Für Honda ist das die beste Platzierung seit der Rückkehr in die Formel 1 (2015) - besser als jede Platzierung in den drei gemeinsamen Jahren mit McLaren. Was für ein Genugtuung für die Japaner!

 

Sensation in der Wüste: Pierre Gasly raste auf den vierten Rang. Und das mit Respekt-Abstand.Sensation in der Wüste: Pierre Gasly raste auf den vierten Rang. Und das mit Respekt-Abstand.
Für Toro Rosso (davor mit Ferrari- bzw. Renault-Power unterwegs) war es das beste Ergebnis seit Monza 2008.Für Toro Rosso (davor mit Ferrari- bzw. Renault-Power unterwegs) war es das beste Ergebnis seit Monza 2008.
Denn nicht nur, dass Alonso den Motor und damit die Mitarbeiter bewusst via Funk immer bloß gestellt hatte (wir erinnern nur daran, wie er ausgerechnet daheim in Suzuka laut von einem "GP2-Motor" sprach). Auch die Teamführung von McLaren erweckte von Rennen zu Rennen mehr den Eindruck, dass nur Honda an allem Schuld sei - und man eigentlich eh quasi das beste Auto der Formel 1 habe, das mit einem grandiosen Chassis.

Aber rückwirkend wirkt auch das nun weniger glaubhaft denn je. Denn trotz des momentan (eher zufälligen) dritten Platzes von McLaren in der Team-WM (bedingt durch den Red-Bull-Doppelausfall), zeigte der Speed-Vergleich sowohl in Melbourne als auch in Bahrain klar: McLaren ist im Vergleich der Renault-betriebenen Autos von den Rundenzeiten her nicht nur hinter Red Bull Racing, sondern - meist - auch hinter dem Renault-Werksteam. Und das bei identem Material.

So atemberaubend gut dürfte der McLaren also auch in den Honda-Jahren nicht gewesen sein.

Warum aber ist Honda nun auf Anhieb erfolgreicher, obwohl Toro Rosso ein kleineres, ärmeres Team ist als McLaren? Die Gründe sind vielfältig:

- Toro Rosso kommuniziert im Gegensatz zu McLaren auf Augenhöhe mit Honda. Denn McLaren (sieglos seit 2012, ohne Fahrer-WM-Titel seit 2008, ohne Team-WM-Titel seit 1998 (!) ist in seinem Selbstverständnis immer noch das "Ferrari Englands" und zumindest die zweitgrösste Marke der Formel 1. Da hat man immer noch die Arroganz-DNA von Langzeit-Teamchef Ron Dennis in sich.

- Toro Rosso zeigt Respekt vor Honda. Schon im Herbst begann Franz Tost, der umsichtige und gute Teamchef von Toro Rosso, mit Kursen für Mitarbeiter, in denen man über den richtigen Umgang mit Japanern aufklärte und Verständnis für die japanische Kultur, ihre Sitten, Gebräuche und Formen lernte. Immer mit einem entscheidenden Überbegriff: Respekt!

- Toro Rosso wird in seinem Honda-Plan voll von Red Bull (Racing) unterstützt. Sowohl der Konzern in Fuschl als auch der Rennstall in Milton Keynes fördern und beobachten die Zusammenarbeit genau. Hat Honda Erfolg, könnte schon ab 2019 auch das achtfache Weltmeisterteam unter österreichischer Flagge auf Honda-Antrieb setzen. Dort wäre man Nummer 1, während man bei Renault bestenfalls das B-Team hinter dem eigenen Werksteam sein kann.

- Honda wiederum hatte die Größe und Selbstreflexion, vor der Zusammenarbeit mit Toro Rosso noch einmal alles kritisch zu hinterfragen. Sowohl in Japan als auch in Milton Keynes (die europäische Motoren-Zentrale von Honda Sport ist zufälligerweise im selben Ort wie Red Bull Racing) wurden viele Abläufe verändert und viele Strukturen neu geformt.

- Honda ist top-motiviert. Gesichtsverlust ist für Japaner wohl noch mehr eine Tragödie als für Menschen anderer Kulturen. Mit der unerwarteten Zusammenarbeit mit Toro Rosso hat man nun die Chance zu beweisen, dass man (mit den richtigen Partnern!) sehr wohl in der Lage ist, perfekte Hybrid-Motoren zu bauen. So wie man eben auch in den 1980er/1990er-Jahren die besten Triebwerke der Formel 1 bauen konnte.

- Honda hat Prinzipien verändert. Der Antrieb wurde neu gedacht und an einigen Punkten entscheidend verändert. Man hat Fehler erkannt und aussortiert.

- Honda holt an Erfahrung auf. In Wahrheit hat man auch stark darunter gelitten, dass man erst 2015 in die Formel 1 kam - ein Jahr nach dem Start der Hybrid-Ära. Das ist ein Rückstand von Hunderttausenden Prüfstand- und Simulationskilometern, der nicht nur auf Mercedes unaufholbar waren, sondern auch auf die weniger starken Konkurrenten.

- Honda hat einen Plan. Im Gegensatz zur McLaren-Ära hat man das Personal nun besser auf Formel-1-Bedürfnisse abgestimmt und nicht so wie früher nur auf Rücksicht auf die Zusammenarbeit mit der Serien-Produktion. Ein Beispiel: Toyonahu Tarabe wurde im Dezember zum neuen Technischen Direktor ernannt. Tarabe war einst bei McLaren von 1992 bis 1994 Motor-Ingenieur des späteren Toro-Rosso-Mitbegründers Gerhard Berger. Der wiederum ist immer noch ein enger Verbündeter von Franz Tost. Solche Beziehungen erleichtern einfach die Zusammenarbeit.

- Honda verspricht nicht (mehr) zu viel. Unter dem McLaren-Druck versprach Honda 2015 bis 2017 oft Dinge und Entwicklungen, die völlig unrealistisch waren und nicht eingehalten werden konnten. Nun ist man bedächtiger. So war es mit Toro Rosso abgestimmt, dass man in Phase 1 ausschließlich auf Haltbarkeit setzt, um möglichst viele Erfahrungskilometer generieren zu können. Was beim Test in Barcelona perfekt funktionierte. Nun will man an Power gewinnen - für das Rennen in Kanada etwa verspricht man ein Update mit 27 PS mehr.

Also: Es sieht gut aus in der jungen Ehe Honda - Toro Rosso. Ob Gaslys vierter Platz zu toppen ist muss man sehen (da müssen mehrere Fahrer der Top-3-Teams zugleich Probleme haben), aber eines ist fix: McLaren hat man sicher nicht zum letzten Mal in dieser Saison geschlagen. Und das tut Honda besonders gut.
Selbst Superstar Lewis Hamilton staunte über den Speed des Honda-betriebenen Toro Rossos.Selbst Superstar Lewis Hamilton staunte über den Speed des Honda-betriebenen Toro Rossos.
Die Zusammenarbeit (im Bild u.a. Tarabe und Technik-Chef James Key) funktioniert auf Anhieb gut.Die Zusammenarbeit (im Bild u.a. Tarabe und Technik-Chef James Key) funktioniert auf Anhieb gut.
Auch WEC-Weltmeister Brendon Hartley verpasste das Q3 nur ganz knapp.Auch WEC-Weltmeister Brendon Hartley verpasste das Q3 nur ganz knapp.
Seit der Ära von Sebastian Vettel hatte Toro Rosso nicht mehr so viel zu feiern wie in Bahrain.Seit der Ära von Sebastian Vettel hatte Toro Rosso nicht mehr so viel zu feiern wie in Bahrain.
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