loading...

GERALD ENZINGER

DTM – Lehrmeister der Formel 1

Fernando Alonso hält den Monaco-Grand-Prix 2018 für "das langweiligste Rennen aller Zeiten". Die Formel 1 ist zu oft eine Formel Fad. Dabei wären die richtigen Regel-Änderungen so einfach - wie Gerhard Berger in der jetzt aufregenden DTM beweist.
Lassen Sie mich mit einem Widerspruch in eigener Sache beginnen.
Viele Beobachtungen im Rennsport und erst recht im wirklichen Leben haben für mich fast immer zum selben Ergebnis geführt:
Wer kopiert, hat nichts kapiert.

Egal ob man ein Unternehmen führt oder ein Magazin macht - krampfhaft immer alles nachzumachen mit dem andere gerade Erfolg haben, führt dazu, dass man immer nur (bestenfalls) der zweite Sieger ist, eigentlich aber der erste Verlierer.

Doch kommen wir nun zur Ausnahme von der Regel.

Die Formel 1 ist nach einigen Überraschungs-Effekten zum Saisonstart in Barcelona und Monaco wieder in der Realität angekommen. Und dieser Alltag ist stinklangweilig. Rennen, die eher an eine Fronleichnams-Prozession erinnern als an Racing. Selbst Fernando Alonso, ein Racer vor dem Herren, ist schon am einschlafen: "Ich denke, das war das langweiligste Rennen aller Zeiten", sagte er nach dem Monaco-Grand-Prix.

In den Straßen Monte Carlos herrscht de facto Überholverbot.

Wie zu oft in der Formel 1. Ein Fact, der von den Fans nun schon fast seit Jahrzehnten kritisiert wird. Und so ändert der teuerste Sport der Welt zwar gefühlt jedes Jahr die Regeln, aber löst nie die grundsätzlichen Probleme, die es verhindern, dass Formel-1-Piloten auch eine Hauptrolle als Action-Star bekommen.

Dabei wäre es so einfach beim Jahrgangsbesten und Musterschüler in Sachen Fan-Action abschauen: bei der DTM.

Seit dort Gerhard Berger vor etwas mehr als einem Jahr die Führung übernommen hat, geht es hier in puncto Entscheidungen schnell zur Sache. Und so gut wie alle rasch eingeführten Änderungen haben gewirkt.

- Das Verbot des Reifen-Aufwärmens: So werden die ersten Kilometer nach dem Boxenstopp mit kalten und nahezu unfahrbaren Reifen zu einer echten Gefühlssache. Die Leistung des Fahrers und vor allem sein Gefühl ist essentiell. Zudem muss er mit enormen Druck in dieser Phase umgehen können.

- Das Funkverbot: Nur in Notfällen darf das Team in der DTM mit dem Fahrer kommunizieren. Das führt dazu, dass der Pilot sehr viele Entscheidungen selbst treffen muss. Humbug wie in der Formel 1, wo dem Piloten quasi auf den Zentimeter gesagt wird, wo er bremsen soll, passiert hier nicht.

- Die extreme Reduktion aerodynamischer Teile. Für die Saison 2018 wurden noch weniger Aerodynamik-Teile erlaubt. Die Folge: zum einen rutschen die Autos enorm und fordern den Piloten, zum anderen besteht weniger Gefahr, in Zweikämpfen essentielle Teile abzureissen.
Dadurch trauen sich alle viel aggressiver in Duelle:
Paffet vs. Glock ist der Prototyp eines Zweikampfes, der mit robusten Autos ausgetragen wird.

- Fahrer mit Meinung. Timo Glocks legendäre "Funk-Ansprache" an die Mercedes-Konzernführung blieb ohne Folgen,  trotz des mehrfachen "I-Wortes".
Mercedes reagierte cool. Ein Zeichen, dass hier mit offenem Visier gekämpft wird und gesagt wird, was man sagen zu müssen glaubt.

Dass Berger das gelungen ist, ist umso beachtlicher, da die DTM von drei Premium-Konzernen geführt wird, in denen die PR-Abteilungen eigentlich Geschichten-Verhinderer sein sollten, wo alle was "nicht passt" gestrichen wird. Doch das ist längst nicht mehr der Fall, die Leine ist länger geworden, die DTM offener, freundlicher, rauer - und doch sympathischer.


Wenn die Formel 1 besser werden will, dann muss man das Rad nicht neu erfinden.
Sondern einfach Rat in der DTM holen.


PS: Was man auch nicht vergessen sollte: Der Sound eines DTM-Motors ist wohl die beste Musik, die eine moderne Rennserie in Zeiten wie diesen noch zu bieten hat.

Hören Sie hin und schauen Sie zu! Dieses Wochenende in Budapest, demnächst am nahen Norisring und bald am Red Bull Ring.
ZURÜCK ZUR ÜBERSICHT