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RAIKKONEN UND GIOVINAZZI IM INTERVIEW

Räikkönen will den alten Österreichring

Kimi Räikkönen redet und lacht und redet. Und lacht wieder. Motorprofis.at erlebte beim Doppel-Interview mit seinem Alfa-Romeo-Teamkollegen Antonio Giovinazzi den redseligsten Iceman aller Zeiten. Spannend, was die beiden sich und uns so zu sagen haben. Und wie Kimis Analysen lauten.

Am Ende war Spielberg für alle eine Reise Wert: für die Alfa-Romeo-Racing-Piloten Kimi Räikkönen und Antonio Giovinazzi weil sie als 9. (Kimi) und 10. (Giovinazzi) beide punkteten – im Fall des Italieners zum ersten Mal in der Karriere. Und für die ausgewählten Journalisten, die zum Round Table mit den beiden geladen wurden, erst Recht: erlebte man doch in dieser Interview-Session einen blendend gelaunten und redseligen Räikkönen. Und erste Eindrücke von Giovinazzi, der in der Formel 3 einst oft auf Augenhöhe mit Verstappen, Ocon und Auer fuhr.

Euer Team war immer schon dafür bekannt, gut mit jungen Leuten arbeiten zu können – wie das ja auch bei Dir, Kimi, der Fall war. Wie sind deine Erinnerungen an deine Anfänge in der Formel 1?
RÄIKKÖNEN:
Ich war ja nicht so jung wie andere, ich war 21, aber ich war noch sehr unerfahren. Ich kam direkt von der Formel Renault (die damals die 4. Stufe war, Anm.), aber es war natürlich eine komplett andere Welt, als jene, die mir vertraut war. Als ich zum ersten Mal ein Formel-1-Auto gefahren habe, da war das – ich würde jetzt nicht sagen, dass es ein Schock war – aber es war definitiv anders alles andere, was ich bis zu diesem Zeitpunkt gekannt hatte. Aber der erste Tag verging schnell und dann wurde es mit jedem weiteren Tag einfacher und normaler, in allen Bereichen.


Wie hat sich die Formel 1 in all diesen vielen Jahren verändert?
RÄIKKÖNEN: 
Im Kern ist es immer noch das selbe. Über all die Jahre haben sich die Autos etwas verändert, das Fahren als solches, die Regeln. Aber im Prinzip machen wir als Fahrer immer noch das gleiche wie damals. Vielleicht machen wir jetzt mehr PR-Arbeit und sitzen mehr in Meetings.


Was ist dein Ziel für die weitere Saison?
RÄIKKÖNEN: Hoffentlich können wir regelmäßig um die Plätze in den Top10 und damit um die Punkte kämpfen. Man hat nicht wirklich konkrete Ziele, es ist einfach so, dass man das Auto immer Schritt für Schritt verbessern sollte. Und wenn das funktioniert, dann können wir in einer guten Position sein – nach einem langen Weg.

Frage an euch beide: So langweilig die Formel 1 meistens wirkt, so ist es doch so, dass es Spaß machen muss im Mittelfeld zu kämpfen, wo es sehr eng zugeht und wo man in jedem Rennen viele Zweikämpfe hat.
RÄIKKÖNEN
: Jeder sagt mir die ganze Zeit: die Rennen sind so langweilig. Aber ich denke, wenn du mitten drin bist, dann ist es nicht gerade fad. An manchen Tagen bist nur am Verteidigen, dann gibt es wieder Phasen, wo es immer ums Attackieren geht. Von außen schaut es langweiliger als als im Auto, wo es gerade im Mittelfeld sehr hektisch zugehen kann. In dieser Gegend ist es so eng, da sieht man vielleicht sogar besseres Racing als vorne.
GIOVINAZZI: Dem stimme ich voll zu. Es ist so knapp. In dieser Gegend des Rennens bist du zeitgleich in der Offensive und in der Defensive, und dein Rennen geht nach vor wie auch nach hinten. Du musst beides im Blick haben. Aber das führt dazu, dass das reine Racing hier mehr Spaß macht. Ehrlich: es ist hart.


Kimi, Deine Erinnerungen an den A1-Ring bzw. die ersten Jahre des Red Bull Rings jetzt?
RÄIKKÖNEN: Ich habe es immer genossen, hier zu sein – und es war bitter, dass wir diese Rennstrecke für so viele Jahre verloren hatten. Ich denke, 2003 war das Rennen damals. Ich habe viele positive Erinnerungen. Zum Glück bin ich ja alt genug, um einige alte Rennstrecken noch kennengelernt zu haben – etwa den alten Hockenheimring, als er noch seine langen Geraden hatte. Viele Strecke, die auf ihre eigene Art Spaß machen – Spa mit der Bus-Stop-Schikane, Ungarn.
In Spielberg gibt es großartige Passagen, auch wenn sich manches in kleinen Details verändert hat. Aber die erste Kurve oder die letzten beiden, die machen viel Spaß. Es ist immer ein großartiger Platz, um herzukommen. Und es liegt wohl auch an der ganzen Szenerie mit all den Bergen, das die Stimmung hier immer besonders entspannt ist. Bitter, dass wir die Strecke einmal nicht im Kalender hatten – aber super, dass sie wieder zurückbekommen haben.


Ich denke, dass du den alten Österreichring geliebt hättest mit seiner langen Flatschach-Geraden, in deren Anbremszone man, wie es Gerhard Berger formuliert, immer dem Tod ins Auge sah.
RÄIKKÖNEN: Ja, definitiv! Alles was ich darüber gesehen haben, sieht ziemlich aufregend aus. Und auf solchen Strecken gäbe es natürlich auch richtig gute Überholmanöver. Da gibt es viele gute Ecken, wo du beim Bremsen noch was machen kannst. Solche Strecken wollen wir haben.


Antonio, wie seine deine Erinnerungen an den Red Bull Ring?
GIOVINAZZI: Es ist sicher eine meiner Lieblingstrecken und auch ich habe guten Erinnerungen an diesen Ort. Hier habe ich mein erstes Rennen in der Formel 3 gewonnen und ein sehr gutes Weekend in der Formel 2 gehabt. Es gibt viele Highspeed-Kurven. Es ist kein langer Kurs, sondern eher ein Kart-Track. Das führt dazu, dass es oft gute Rennen gibt. Hier in der Formel 1 haben wir drei DRS-Zonen, da ist viel Action möglich. Das passt gut!

Kimi, Du als Racer: Was wünscht Du dir von der Formel 1 der Zukunft?
RÄIKKÖNEN
: Ferien! (lacht).
Auf lange Sicht, ist es nicht meine Baustelle, was da passieren wird. Wenn es mich nicht interessiert, werde ich definitiv nicht den Fernseher aufdrehen und mich in meiner Freizeit stören lassen (lacht nochmals).
Aber wenn man mich fragt, würde ich sicher einiges ändern. Etwa diese ganzen Datenauswertungen nach Möglichkeit entfernen. Wenn man die Autos nicht anhand von so vielen Daten abstimmen würde, käme es wieder mehr auf das Gefühl an und bestimmte Qualitäten könnten den Unterschied machen.


Was macht mehr Spaß: ein Formel-1-Auto zu fahren oder ein Rallye-Car?
RÄIKKÖNEN
: Rallye ist so komplett anders. Du fährst ja nicht wirklich gegeneinander, sondern gegen die Zeit. Wenn du bei der Rallye ein anderes Auto auf der Sonderprüfung siehst, dann ist gerade für einen von euch beiden etwas verdammt falsch gelaufen. (grinst)
Wobei wenn man schon vergleicht: ich bin ja mal NASCAR gefahren, da durfte man beim Testen Telemetrie-Daten nutzen, im Rennen aber nicht. Daher musst du deine Erfahrungen ab einem bestimmten Punkt selber machen. Das führt dazu, dass Ovalrennen sehr simpel wirken, in Wahrheit aber weit weg von Einfachheit sind. Es ist eine hochkomplexe Sache. Das ist dann mehr pures Racing. Wenn du merkst: Shit, ich bin nicht schnell genug –  dann kannst du zwar mit anderen reden. Dann sagt dir der eine das, und der andere meint aber das. Am Ende musst du selber deine Schlüsse ziehen. In der Formel 1 dagegen stehen da die Daten und die verraten dir alles, was nun zu ändern ist. Wenn du selber dein Setup finden musst und nicht auf den Computer schauen kannst beim Set Up, dann wäre das ein komplett anderes Feeling.


Antonio, hilft Dir Kimi, kannst Du von ihm lernen?
GIOVINAZZI:
Es ist eben so, wie Kimi gerade gemeint hat: Selbst wenn er es mir nicht sagen würde oder wenn ich ihn nicht frage, sehe ich doch alle seinen Daten und kann meine Schlüsse daraus ziehen. Es gibt keine wirklichen Geheimnisse im Team, was die Abstimmung betrifft.


RÄIKKÖNEN: Jetzt stell´ Dir mal vor, wie schwierig es für Dich wäre, wenn du nicht Zugriff auf meine Daten hättest. Das würde einen massiven Unterschied ausmachen.


GIOVINAZZI: Ja, da stimme ich zu. Ohne Daten wäre es schwierig – gerade für mich als sehr jungen Piloten in der ersten Saison, der natürlich davon profitiert einen so außergewöhnlich erfahrenen Teamkollegen zu haben. Das wäre hart, aber ich habe Glück, das alles anschauen zu können. Und so ist es leichter, sich Session für Session zu verbessern.

Augen-Blicke: Kimi Räikkönen und Antonio...Augen-Blicke: Kimi Räikkönen und Antonio...
...Giovinazzi im Gespräch mit Gerald Enzinger....Giovinazzi im Gespräch mit Gerald Enzinger.

In der DTM gibt es recht revolutionäre Ideen: Etwa, dass man die Reifen nicht vorheizen darf oder weil der Funkverkehr nun sehr limitiert ist: Wären solche Regeln auch gut für die Formel 1?
RÄIKKÖNEN
: Ursprünglich gab es da mal auch ein Funk-Verbot in der Formel 1, etwa in der Aufwärmrunde. Ich bin ja der Typ, den es nicht stört, wenn da keiner redet. (grinst schelmisch
In anderen Teams ist es oft so, dass jemand sagt, dieser Fahrer da ist hier schneller oder da langsamer. Aber was macht das für einen Unterschied aus? Für mich ist diese Information keine Hilfe. Ich glaube: wenn du den Funk verbietest, wird das die Rennen nicht wirklich verändern.
Und was deine Reifenfrage betrifft: Wenn es so heiss ist wie in Spielberg, dann bringen wir die Reifen auch selbst nach einigen Runden auf Temperatur, auch ohne Heizdecken. Wenn es aber kalt ist, würden wir ohne das Aufheizen davor wie auf Eis fahren. Wir hätten null Grip, speziell bei den Sessions am Morgen. Da fliegen wir sogar auf der Geraden ab, weil wir so wenig Haftung hätten.
Wenn man also die Heizdecken verbietet, müsste man zugleich die Reifen komplett verändern. Wenn die Reifen so konstruiert werden, dass sie ohne Heizdecken arbeiten müssen – dann ist es fein. Aber es gibt keine Pläne. Und es wird das Spiel nicht verändern.


Du bist ein Liebling der Fans, ein echter Hero. Was bedeutet Dir das?
RÄIKKÖNEN: Ja, das ist klarerweise eine schöne Sache. Es ist schön, wenn sie dich anfeuern! Einiges scheinen also das, was ich tue, zu mögen. Oder vielleicht bin ich einfach alt und das macht sie sentimental. (lächelt)


Antonio, für Dich als Italiener muss der Tag, an dem Kimi 2007 den bislang letzten WM-Titel für Ferrari holte, etwas ganz besonders gewesen sein. Wie sind deine Erinnerungen?
GIOVINAZZI: Natürlich war ich Ferrari-Fan! Ich habe das Rennen daheim im Fernseher gesehen. Und es war auch insofern speziell, weil noch drei verschiedene Piloten Weltmeister werden konnten – Alonso, Hamilton und Kimi.


RÄIKKÖNEN: (fällt ins Wort) Ich hoffe aber stark, dass du dabei mir zugejubelt hast.


GIOVINAZZI: Äh, ja klar. Ich habe den Punkt Unterschied ausgemacht. (lacht)


RÄIKKÖNEN: Wie alt warst du damals eigentlich?


GIOVINAZZI: (muss nachdenken). 14! Nein – 12. Ich fuhr gerade Mini-Kart.


Ich seid nun Werksfahrer von Alfa Romeo, einer ganz großen Marke im Motorsport. Was verbindet ihr mit diesem Namen?
RÄIKKÖNEN
: Ich bin zu jung, um Alfa noch in der Formel 1 erlebt zu haben. Aber ich weiß, dass sie eine große Geschichte in diesem Sport haben. Sie haben Rennen gewonnen, Weltmeisterschaften. Ich finde es toll, dass sie wieder in der Formel 1 zurück sind.


Wer war der letzte Sieger mit einem Alfa-Motor?
GIOVINAZZI:
(antwortet sofort). Niki Lauda! (Anmerkung: Richtig, Anderstorp 1978, Brabham-Alfa).

Privat fährt ihr ja auch Alfa: Kimi einen Stelvio, Antonio eine Giulia. Richtig?
RÄIKKÖNEN
: Ja, in der Quadrifoglio-Version. Das passt gut für die Schweiz und mit der Familie. Es macht Spaß.
GIOVINAZZI: Die Giulia ist ein Wagen, der gelungen ist. Ich genieße es immer, damit zu fahren.


Was ist der größte Unterschied zwischen einem großen Team wie Ferrari und einem kleineren wie Alfa, Kimi? Mein Gefühl sagt mir, dass das eine familiäre Größe ist, die Dir durchaus zusagt.
RÄIKKÖNEN
: Das pure Arbeiten, das ist nicht wirklich anders. Das Fahren, der Workflow, die Meetings, das ist alles sehr ähnlich. Der große Unterschied ist das Drumherum, da habe ich hier weniger zu tun. Das war ein Grund, warum ich das auch so wollte.
Aber die Passion, die ist die gleiche, und in der Regel sind die Autos sehr gut. Nur wenn man ein Problem am Wagen hat, kann es hier länger dauern, um ihn zu beheben – in so einem Fall macht die Größe von Personal und Budget sehr wohl einen Unterschied.


Was empfindest Du heute, wenn Du in Maranello bist?
RÄIKKÖNEN: Ich hatte dort gute Zeiten, auch wenn die Ergebnisse es nicht immer waren. Aber Ferrari ist ein großer Teil meines Herzens, meines Lebens. Nicht viele können behaupten, für dieses Team gefahren zu sein und ich habe einen Fahrer-WM-Titel gewonnen und zwei Mal die Konstrukteurswertung. Das verbindet und ich habe immer noch Kontakt zu den Leuten dort. Natürlich.


Wie war das 2007? Der Tag, an dem Du Weltmeister geworden bist – und Klein-Giovinazzi vor dem Fernseher mitgefiebert hat?
RÄIKKÖNEN: Unsere einzige Chance in den Rennen war es, unter den ersten zwei zu sein und dann zu schauen: was machen die McLaren? Wir hatten viel Speed, aber die WM war nicht mehr in unserer Hand. Wir mussten unsere Autos auf 1 und 2 bringen. Es hat funktionert. Aber es war nicht nur diese eine Rennen. Wir hatten zwar eine Phase der Saison, in der wir schwächelten, aber dann waren wir richtig gut.


Kann Vettel heuer noch um die WM – kämpfen?
RÄIKKÖNEN: Kämpfen kann er. Kann er auch gewinnen? Das ist etwas anderes. Er ist in keiner einfachen Position, aber Dinge ändern sich oft schnell. Kämpfen werden sie bis zum Ende.
GIOVINAZZI: Das sehe ich auch so. Aufgeben ist keine Option für ein Team wie Ferrari.

Alfa-Werksfahrer auch in der Freizeit: Giovinazzi setzt auf eine Giulia, Familienvater Räikkönen auf Stelvio.Alfa-Werksfahrer auch in der Freizeit: Giovinazzi setzt auf eine Giulia, Familienvater Räikkönen auf Stelvio.
Kimi fuhr in Spielberg seinen 300. Grand Prix. Die Heimfahrt erfolgte mit seinem Privatwagen – einem Alfa Stelvio Quadrifolglio.Kimi fuhr in Spielberg seinen 300. Grand Prix. Die Heimfahrt erfolgte mit seinem Privatwagen – einem Alfa Stelvio Quadrifolglio.
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