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INTERVIEW: DS-CHEF YVES BONNEFONT

Der Mann, der das Auto neu erfand

Yves Bonnefont ist der Chef von DS Automobiles. Und hat damit einen absoluten Traumjob. Wer sonst kann schon heutzutage noch eine neue Automarke quasi auf einem weißen Blatt Papier neu konzipieren? Das Interview mit einem spannenden Visionär. Einem Menschen, der sagt: "Es ist eine verrückte Zeit. Es ist die perfekte Zeit."
DS World, Rue Francois in Paris.
Ein Museum, das an die große Vergangenheit des magischen Begriffs "DS" im Automobilbau erinnert. Hier ruhen und glänzen automobile Legenden. Und hier sitzt der Mann zum Gespräch, der DS als nun eigenständige Automobilmarke im Haus PSA in die Zukunft führt.

Er gilt als einer der weltweit spannendsten Auto-Manager der Gegenwart: Yves Bonnefont. Der am 18. Dezember 1970 geborene Franzose, der seine Karriere nach einem Wirtschaftsstudium am École Centrale in Paris 1994 im PSA-Konzern begonnen hat und der dann lange in führender Funktion bei großen Beratungsagenturen wie Arthur Andersen und McKinsey arbeitete, kehrte 2012 zu PSA zurück - und wurde 2014 der erste CEO in der Geschichte von DS, der neuen Premium-Marke im Konzern.
Am ersten Blick wirkt der Mann zurückhaltend und distanziert, doch sobald Begriffe wie Auto, Mobilität oder Vision im Raum ertönen, spürt man sein Erwachen, seine Lebendigkeit und seine Leidenschaft. Ohne jegliche Konzern-Attidude füllen sich seine Worte mit Leben und mit Träumen, mit Entschlossenheit und mit dem Begriff, der seinem Lieblingswort entspricht: PASSION.
Ein Interview mit einem Benzin-getriebenen, der gerade deshalb auch einen klaren Blick und einen klaren Drang hat hin zu moderner Mobilität. Einer mit Antrieb und einer der zugleich den Antrieb von morgen als entscheidenden Faktor dafür sieht, wie die Welt dann sein wird. Und einer der Interviewpartner, der auch zuhören kann und will und den Interviewer damit überrascht, weil er selbst es ist, der die erste Frage stellt.

YVES BONNEFONT: Ich habe gehört, sie berichten viel über Motorsport. Was halten Sie von der Formel E?

Ich finde sie spannend und sinnvoll und denke, dass DS als Marke sehr gut in dieser Serie passt. Und ich denke, dass die Formel E einen Fehler vermeiden soll: sich dauernd mit der Formel 1 vergleichen zu lassen. Sie ist stark genug, um als eigene Marke in einer neuen Ära zu funktionieren, nicht gegen den traditionellen Rennsport, sondern als eigene, starke Linie. Motorsport wird auch in dieser und der nächsten Generation ein wichtiger Antrieb sein, um höchst verdichtet und unter Druck Technologien für das "echte Leben" zu entwickeln.
Dem stimme ich zu. Es ist immer wichtig für einen Hersteller einen Link zu finden, zwischen dem was auf einer Rennstrecke passiert und in der Serienproduktion. Also denke ich, dass alles sich derzeit in die richtige Richtung bewegt - auch wenn manche immer öfter das Thema elektrischer Tourenwagensport ansprechen. Auch wenn wir bis jetzt noch nicht an diesem Tourenwagensport teilnehmen. Aber wir schauen mit Interesse auf die spannenden Entwicklungen. Es wird eine weitere Brücke sein in der Entwicklung zwischen Werk und Sport.
 
Wie sehen Sie denn die Entwicklungen in der Formel E selbst? DS hat sich dort sehr, sehr schnell etabliert - und ihr Pilot Sam Bird hat vor dem Saison-Finale in New York noch gute Chancen auf den Meistertitel, er ist aktuell Zweiter hinter Jean-Eric Vergne, der wiederum ja selbst Entwicklungspilot von DS Automobiles ist.
Alles nimmt eine gute Entwicklung. Die Meisterschaft findet immer mehr Interessenten. Es ist wirklicher Boom und laufend kommen ja neuer Hersteller dazu.
DS 7 Crossback: DS 7 Crossback: "Avantgarde Design aus Prinzip. Unser Kunden wollen nicht so ein Auto wie der Nachbar."
Wie sehen Sie die Zukunft der Formel E mittelfristig, in drei, fünf oder zehn Jahren?
Das ist eine gute Frage. Ich weiss es nicht.
Das Rezept, das die Formel E erfolgreich macht, ist sicher auch er Fakt, dass wir unsere Rennen in den Städten austragen. Das ist extrem wichtig. Ich kann mir eine Formel E nicht vorstellen, die auf herkömmlichen Rennstrecken stattfindet, wie etwa eurem Red Bull Ring. Das macht für mich keinen Sinn. Wir sind dort, wo die Menschen leben und sie sich meistens aufenthalten. 
Zweiter wichtiger Punkt ist die Nachhaltigkeit, die Effizienz. Bei uns gewinnt das Team, das am meisten Energie gewinnt, während das Auto in Betrieb ist. Das wiederum ist aber fast die über allem gestellte Thematik, wenn es um die Zukunft unserer Welt geht, gerade rund um den Begriff Mobilität. Um Mobilität der Zukunft bieten zu können, müssen wir eine höchst effiziente Form finden, mit der Energie gewonnen und verwendet werden kann. Viel mehr als wir das in der Vergangenheit getan haben. Das ist eine Kernaufgabe für die Zukunft. In der Formel E ist die Vision so, dass der der die Rennen gewinnt, der ist, der am besten mit der Energie haushalten kann.
DS-Pilot Alex Lynn.DS-Pilot Alex Lynn.
Im Titelrennen: DS-Pilot Sam Bird.Im Titelrennen: DS-Pilot Sam Bird.
Ein Konzept, das schon bald auch für andere Motorsport-Kategorien gelten wird?
Natürlich, man sieht sich viel an. Diese Vision vom elektrischen Motorsport war ja schon lange da, aber wir alle waren immer limitiert von den Batterien. Aber gerade da ändert sich jetzt die Situation. Und das führt zur Wiederentdeckung des Wissens, das Hybridautos und elektrische Autos extrem gute Lösungen anbieten. Sie sind effizient, sie machen Spaß beim Fahren.

Was die Formel E betrifft, ist es eine gute und vor allem preiswerte Lösung, dass alle Teams ein identes Chassis verwenden. Aber ist das nicht gerade für eine Marke wie DS, die so sehr für Design steht, wie kaum eine andere, ein Drama?
Ja, da ist was dran. So versuchen wir jetzt wenigstens mit den Farben des Autos zu spielen. Aber, das ist das Reglement mit diesen Einheitsteilen. Das ist ein kleiner Teil, aber es ist wichtig, etwa die Aerodynamik in Grenzen zu halten, um auch die Kosten in Griff zu haben.

Euer Driver-Line-Up heuer: Sam Bird und Alex Lynn.
Wir haben die Fahrer gemeinsam mit Virgin gesucht, die haben das letzte Wort, aber wir wurden um unsere Meinung gefragt. Sam ist sehr gut, ein großartiger Fahrer, sehr erfahren. Was ich an Alex schätze, ist seine Lernkurve. Bei DS wollen wir immer Talente fördern, das ist Teil unserer DNA.

Auf die Straße: Mit dem DS7 beginnt bei DS die Ära der elektrischen Straßenfahrzeuge. Zugleich endet die Ära der Diesel-Fahrzeuge in eurem Segment.
Diesel ist keine sehr globale Lösung. In Märkten wie etwa in China hat er kaum Relevanz. So konzentrieren wir uns ganz auf anderes, auch wenn wir ursprünglich bei DS mit Diesel gestartet sind. Unser Markt aber ist nicht auf Europa beschränkt, wir treffen Entscheidungen, die global Sinn machen.

Die Antriebs-Diskussion ist derzeit omnipräsent. Ist es nicht für eine Führungsperson in der Auto-Industrie die vielleicht spannendste Ära überhaupt, um zu leben und zu arbeiten? Im Moment erleben wir eine Wettlauf der Ideen, Innovation ist extrem wichtig und das grösste Kapital in der Branche.
Ja, es ist eine verrückte Zeit in dieser Industrie. Passion ist so wichtig ist, es macht macht Spaß jetzt in dieser Branche in führender Position zu arbeiten. Alle arbeiten so unter Hochdruck, es gibt so eine Geschwindigkeit bei den Dingen, die sich entwickeln und in der Zeit, wie sie sich entwickeln. So viele Menschen und Gruppen arbeiten an guten Lösungen und du musst im Moment sehr oft sehr viele Entscheidungen treffen, das ist aufregend und anregend.

Was mögen Sie an ihrem Job am liebsten?
Zwei Sachen mag ich am meisten. Das eine ist: Jeden Dienstag gehe ich in unser Future Design Center und arbeite mit unserem Team dort an den Projekten der Zukunft. Und das mag ich sehr, sehr - es ist ein aufregender Tag, voller Entscheidungen.
Und das andere, was mir extrem Spaß macht, ist die Chance, die Marke DS zu entwickeln und das wofür sie steht. Und in dem Zusammehang war es sehr erfüllend zu sehen, wie der DS7 der wurde, der er ist.
All das ganze Feedback über den Komfort, über das Design, die Technik zeigt uns, der Markt hat das Auto genau so verstanden, wie wir es gemeint hatten. Etwa wenn wir von "Avantgarde Design" sprechen - und dann sehen, wie sich die Köpfe der Menschen bewegen, wenn sie den DS7 zum ersten Mal in echt sehen. Mit dem DS7 und seinen Lichtern wollen wir in eine sehr klare Linie gehen, es ist ein Auto, das mann sich in der SUV-Klasse erinnern wird. Er hat die Kennung eines SUV, aber die Präsenz eines DS, die sehr eigen ist.

Ich habe den Eindruck, es ist eine gute Zeit für sehr individuelle Autos. Ein Vorteil für die Franzosen, die ja eine große Tradition haben, wenn es um Autos geht, die optisch sehr innovativ sind?
Als wir die Marke DS nun neu gegründet haben, das war klar, dass Personalisierung ein absoluter Kernwert dieser Marke sein soll. Heue sind wir das individuellste Auto am Markt - von unserem SUV gibt es zwei Millionen variable Versionen - mit anderen Worten: jedes Autos ist de facto einzigartig. Wenn du ein Auto bei DS zusammenstellst, ist es eigentlich sicher, dass nie jemand anderer exakt die selben Komponenten zusammengestellt hat. Das ist Teil der DNA von DS, diese Einzigartigkeit. Das ist die Zukunft, eine eigene Industrie, die entstanden ist. Denken Sie nur an die Backcover von Smartphones. Immer mehr wollen ein Design haben, das kein anderer hat. Das ist Teil der Art, wie wir heute leben.

Welche Autos haben ihre Phantasie angeregt, als Sie ein Kind waren?
(lacht). Haha, ja - da kommen Erinnerungen hoch. Ich hatte immer eine Vorliebe für Aston Martin. Das James-Bond-Auto war immer eine Grundlage der Phantasie.

Warum gelten Autos 50 Jahre später als Kult? War man damals kreativer - oder ist es eher eine Verklärung der guten, alten Zeit?
Wir arbeiten daran, die Kult-Objekte der Zukunft zu machen. Heutzutage soll ein Auto immer besonders viel können, man packt so viel hinein, dass manches einander ähnlicher wird. Aber wir glauben an die Kraft der Kreativität, und glauben, dass es ist nicht sinnvoll ist, dass man das selbe Auto hat, wie der Typ von nebenan. Du kannst deine Passion für Autos weiter leben.

Ändern sich die Kunden stark?
Nicht unbedingt. Es gibt immer noch Leute, denen es egal ist, dass sich ihr Auto von dem des Nachbarn nur durch die Nummer auf dem Kennzeichen unterscheidet. Es gibt aber auch eine große Gruppe von Menschen, die alles über eine Marke wissen, die sie "spüren", die ihre Werte schätzen. Und die ein Statement setzen durch die Wahl der Marke. Und DS-Kunden sind natürlich eher aus der zweiten Gruppe.

Es muss für sie ein Traumjob sein, wenn man eine Marke neu definiert und mit einem weißen Blatt Papier startet.
Keine Frage: Es ist ein Riesen-Vorteil, wenn du neu beginnen kannst. Gerade in einer Zeit, wo diese Industrie sich so verändert. Es ist eine perfekte Zeit, um eine neue Marke zu entwickeln.

Wie ist die Bilanz nach den ersten Jahren DS. Gibt es Märkte, die Sie überraschen?

Ich war sehr überrascht vom Start vom DS7 im Iran. Wir haben sehr schnell 130 Autos verkauft, das hat mich überrascht.

Stichwort Überraschung. Vor knapp einem Jahrzehnt hat mit so ziemlich jeder Experte gesagt, dass die französische Autoindustrie im Koma liegt und sterben wird. Und nun, so kurze Zeit später, wirken gerade die Franzosen extrem vital. Wie konnte diese Trendumkehr passieren?
Das war sehr viel Arbeit. Und der Erfolg hatte wohl zwei Hauptursachen: Das eine ist, dass eine echte Passion für das Produkt Automobil in Frankreich vorhanden ist, anders kann man nicht erfolgreich sein. Das andere ist eine regelrechte Obsession für Effizienz. Wenn du effizient arbeitest, kann du es dir auf der anderen Seite leisten, in Passion zu investieren, in aufregende Ideen. Passion muss Vernunft treffen. Und ein gutes Beispiel für das, was uns im PSA-Konzern ausmacht: Carlos Taverez pusht uns immer, dass wir uns trauen, aus gewohnten Bahnen auszubrechen. Wir sollen nicht immer gleich denken, sondern auch mal andere Lösungen  in Betracht ziehen. Das ist auch eine Art von Passion, die ein Antrieb ist. Passion immer und überall.
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Yves Bonnefont traf motorprofis.at-Reporter Gerald Enzinger zum Interview in Paris.Yves Bonnefont traf motorprofis.at-Reporter Gerald Enzinger zum Interview in Paris.
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