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GERALD ENZINGER

Vettels Handschrift

Sebastian Vettel schreibt an Niki Lauda - und zeigt den jungen Rennfahrern den Wert von Empathie und Aufmerksamkeit.
Weihnachten mit seinen Liebsten zu verbringen, das ist keine Selbstverständlichkeit.

Schon gar nicht 2018 und für die Menschen, die dieses Fest heuer mit Niki Lauda erleben, mit Sophia Flörsch oder mit Robert Wickens.

Flörsch und Wickens haben Unfälle überlebt, die so brutal waren, dass wir an Wunder glauben können - nicht nur zu Weihnachten.

Der im Leben anscheinend unbesiegbare Lauda, jetzt schon eine Jahrhundert-Legende des Weltsports und ein Überlebenskämpfer wie kaum ein Zweiter, fightet sich nach einer Lungentransplantation zurück ins Leben. Auf Ibiza, denn dorthin durfte nun nach fast fünf Monaten im Krankenhaus reisen.

Kürzlich hat er zum ersten Mal ein Interview gegeben, der italienischen Kult-Zeitung Gazetta dello Sport.
Dabei verriet Lauda eine Szene, die ihn in den vergangenen Monaten besonders berührt hat.

Sebastian Vettel, laut Datenbank um einen WM-Titel reicher als Lauda, hat dem Österreicher in dessen schwersten Tagen einen Brief geschrieben - mitten in seinem eigenen unglücklichen Duell gegen Laudas Team und dessen Piloten Lewis Hamilton.

Der Brief war handgeschrieben und voller Empathie, voller Mitgefühl und Respekt und er war das Zeichen eines ganz großen Menschen.

Denn im Leben gibt es Wichtigeres, als die Frage ob der Deutsche daheim in Hockenheim in Führung liegend seinen Ferrari und damit die WM weggeworfen hat.

Etwa die Frage, ob man auch als Star ein Mensch bleibt.

Wobei gerade Vettel für mich den Beweis auch umgekehrt liefert.
Nämlich das sehr wohl auch nette Menschen im Sport Erfolg haben können - so egoistisch, ja eigensinnig, sie auch im Auto sein mögen.

Denn für den Durchbruch im Sport braucht es auch Empathie - und Gespür.

Vettel war schon als Talent aufmerksam: er hat gelernt, englischen Mechanikern Witze auf englisch gut zu erzählen. Er kann italienisch, aus Respekt vor seinen Mitarbeitern bei Ferrari. Als er bei BMW Sauber war, redete er mit den Schweizern dort schwyzerdütsch. Er probierte es zumindest.

Einfach, weil er ihnen damit Respekt zollt - und jedem einzelnen das Gefühl, nein: das Wissen, wichtig zu sein für den Erfolg, der am Ende in erster Linie immer nur dem Fahrer angerechnet wird.

Viele Fahrer verlassen ihr Team und hinterlassen verbrannte Erde.

Alonso ist so einer, aber es betrifft noch viel mehr Rennfahrer, die Sie vielleicht gar nicht (mehr) kennen, weil sie schon am Weg nach oben mangels sozialer Kompetenz gescheitert sind.

Sie waren schnell, aber sie haben zu wenig verstanden, in einem Team zu arbeiten, vermeintliche Kleinigkeiten zu beachten, auf Details im Umgang mit anderen Menschen Wert zu legen.

Vettel konnte das immer, auch dank seiner unglaublich bodenständigen Eltern.
Er ist nicht auf Facebook und, nein, er umarmt nie die ganze Masse mit schönen Gesten. Oder umgarnt sie mit Worten.
Ab er ist da für Fans und Wegbegleiter, und das ohne Berechnung.

Kürzlich wurde die Geschichte eines kleinen Buben bekannt.
Er hatte eine Zeichnung von Vettel im Auto gemacht und sie ihm geschickt.
Der Bub und seine Eltern staunten einige Wochen später nicht schlecht, als Post aus der Schweiz kam: Vettel hatte selbst Hand angelegt und ebenfalls ein Auto gezeichnet. Nur für diesen Buben, dem er nun seine Zeichnung schickte: "Da du mir so ein schönes Geschenk gemacht hast und ich als Kind auch immer solche Bilder zeichnete, schenke ich Dir nun auch ein Bild, das ich für Dich gemacht habe."

Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte.

Ein anderes Beispiel für Aufmerksamkeit:
Claire Williams, die Wiliams-Teamchefin, erzählt, warum George Russell im nächsten Jahr in ihrem Team fahren wird. Der junge Mann hatte sich im Sommer ganz höflich bei ihr vorgestellt und um einen Termin gebeten. Diese eine Stunde nutzte er zu einem liebevoll gestalteten Powerpoint-Vortrag (!) in dem er ihr analysierte, warum er (der dann Meister in der Formel 2 wurde) der perfekte Fahrer für Williams 2019 wäre.
Andere würden einfach einen Manager bezahlen und den für sich arbeiten lassen. Er aber macht es lieber persönlich.

Und Lewis Hamilton? Auch der wird von seinen Mechanikern bei Mercedes hoch geschätzt. So sehr er oft (auch zu Recht) als Diva rüberkommt, so sehr fühlt er sich den Jungs in der Box und in der Fabrik verbunden.
Man hatte heuer fast das Gefühl, dass er sich über die Team-WM mehr freute als über seinen Fahrertitel.
Denn: "Das ist ein Titel, über den sich jeder einzelne bei uns freuen kann."

Die Lehre aus diesen Geschichten?
Champions, die auf lange Sicht Erfolg haben, haben das auch wegen so unterschätzter menschlicher Eigenschaften wie Aufmerksamkeit, Empathie und Menschenverstand.
Weil sie ohne Scheuklappen durchs Leben gehen - und weil sie auch in den Teams, die sie einmal verlassen haben, gemocht und geschätzt werden.

Und deshalb ist die Handschrift des Sebastian Vettel nicht nur Teil einer Anekdote, sondern Linie Teil eines Erfolgsmodells.
Gerade in einer so kleinen Welt wie der Formel 1, wo man sich immer (mehr als) zweimal sieht.
Sebastian Vettel gilt als besonders aufmerksam...Sebastian Vettel gilt als besonders aufmerksam...
...im Umgang mit Fans aus allen Lagern....im Umgang mit Fans aus allen Lagern.
Vettels sehr persönlicher Brief an den um sein Leben kämpfenden Niki Lauda berührte diesen sehr.Vettels sehr persönlicher Brief an den um sein Leben kämpfenden Niki Lauda berührte diesen sehr.
Nur oberflächliche Betrachter mag das überraschen: Lewis Hamilton ist auch ein großer Teamplayer - nur so hat man nachhaltig Erfolg.Nur oberflächliche Betrachter mag das überraschen: Lewis Hamilton ist auch ein großer Teamplayer - nur so hat man nachhaltig Erfolg.
Das ist George Russell: Er ist noch gar kein Formel-1-Rennen gefahren und hat doch menschlich schon einen guten Ruf: er ist aufmerksam, geht auf andere Menschen zu und weiß: Empathie ist in diesem Job ein Kern-Asset.Das ist George Russell: Er ist noch gar kein Formel-1-Rennen gefahren und hat doch menschlich schon einen guten Ruf: er ist aufmerksam, geht auf andere Menschen zu und weiß: Empathie ist in diesem Job ein Kern-Asset.
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