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KOMMENTAR

Das Drama um Francesco Cigarini

Die Boxen-Dramen von Ferrari und HaasF1 zeigen uns: die wahren Helden im Milliarden-Zirkus sind die Mechaniker. Sie sind es, auf denen im Kampf um Hundertselsekunden der ganze Druck lastet. Eine nervenzermürbende Situation - oft unter Lebensgefahr.
Jetzt ist schon wieder was passiert.
Beim Boxenstopp von Ferrari in Bahrain wurde Geheimfavorit Kimi Räikkönen zu früh losgeschickt - und so überfuhr er mit dem linken Hinterrad seines Ferraris den Mechaniker Francesco Cigarini. Der Italiener, ein glühender Ferraristi, der seinen Job über alles liebt, zog sich einen Schien- und Wadenbeinbruch zu. Der dritte Zwischenfall in der Box im erst zweiten Rennen der Saison - denn wir erinnern uns, was davor in Melbourne passiert ist.
Die Rückblende:

Es hätte der beste Tag ihres Lebens werden können. Für die Menschen, die für HaasF1, das jüngste Team der Formel 1, arbeiten war alles schon extrem nahe am Partymodus. Sensationell schnell waren ihre Boliden – so schnell, das selbst Wunderkind Max Verstappen im Red Bull nicht an Kevin Magnussen vorbeikam. Die Plätze 4 (Magnussen) und 6 (Romain Grosjean) waren in Griffweite. Doch dann kamen die Boxenstopps – und binnen drei Minuten wurde aus einem Tag voller Wunder eine Zeit voller Wunden. Sowohl bei Magnussen als auch bei Grosjean hatten die Mechaniker Probleme, den Reifen mit dem Schlagschrauber korrekt zu befestigen beim Wechsel. Binnen einer Runde, aber zwei verschiedene Mechaniker an zwei verschiedenen Positionen – einmal links hinten, einmal links vorne.
Statt dem besten Tag der Teamgeschichte wurde es der bitterste. Im Fachjargon definiert man den Fehler ganz eindeutig als „menschliches Versagen“. Teamchef Günther Steiner, ein Südtiroler, seufzte: „Wir hatten in den letzten Tagen so viel anderes zu tun, wir haben das Boxenstopp-Training vernachlässigt“.
Wie sehr die beiden Mechaniker von ihren Fehlern betroffen war, merkte man in den Stunden danach: der eine rannte in den ersten leeren Raum, den er finden konnte und schrie sich dort die Wut über sich selbst aus dem Leib. Der andere hatte 35 Minuten nach dem Zwischenfall immer noch seinen Helm und die Brille auf – als ob er sein Gesicht vor Scham verstecken wollte.
Romain Grosjean, der Top-Pilot von Haas, zeigte Größe. Er setzte sich zu den Mechanikern, versuchte sie zu trösten und postete sofort: „We win together, wie lose together.“
 
Wie recht der Franzose doch hat! Die Mechaniker sind wahren Helden der Formel 1. In einem Weltkonzern, wie es die Formel 1 und wie es in vielen Fällen ihre Teams sind, werden hunderte von Millionen Euro Jahr für Jahr investiert, um irgendwo mit Hilfe der Hochtechnologie ein paar Hundertselsekunden herauszuquetschen, die den Sieg über die Niederlage bringen sollen.
Und dann, am Ende dieses ganzen Prozesses, liegt es am Ende in den Händen von Mechanikern, beim Boxenstopp keine Fehler zu machen. In weniger als drei Sekunden, also in nicht einmal einem Drittel der Zeit, die Usain Bolt für einen 100-Meter-Lauf benötigt, ist das Schicksal von Unternehmen, der Börsenkurs von Wirtschaftsimperien, der Arbeitsplatz von Tausenden Menschen und nicht zuletzt die Gefühlslage von Millionen Menschen im wahrsten Sinne des Wortes in ihren Händen.
Und das beobachtet von Dutzenden Millionen Menschen, live in deren Wohnzimmern. Macht der Mechaniker seine Arbeit gut, gibt es einen Klaps auf die Schulter.
Versagt er in nur einem von 100 Fällen, ist er Minuten später die Witzfigur der halben Welt.
 
Für den Traum der Formel 1 haben sie ihr privates Leben meist aufgegeben, zumindest während der Saison, in der sie durch die Welt tingeln (oder eher: hetzen), in den billigeren Flugzeugklassen, in den billigeren Hotels, mit den schlechteren Arbeitszeiten und mit einem Monats-Einkommen, für das der Pilot, für den sie arbeiten, wahrscheinlich nicht einmal eine Stunde werken muss.
 
Und doch sind sie Helden, ohne die die Artisten im Zirkus hilflos wären. Und die, die dem teuersten Sport der Welt seinen so dringend Grund Effect geben. Selbst an den verdammten Sonntagen, an denen eine Schraube zu locker geblieben ist.
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