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FABIAN STEINER

Ferdinand Piëch: Keiner hat mehr erreicht

Ferdinand Piëch ist im Alter von 82 Jahren gestorben. Der Österreicher hat die Autobranche ein halbes Jahrhundert geprägt wie kein anderer. Viele der beliebtesten und erfolgreichsten Marken würde es ohne Piëchs Grundsteinlegungen in dieser Form nicht geben.
Ich erinnere mich noch sehr genau an diesen Abend in Genf, es muss wohl im März 2001 gewesen sein. Als junger Reporter saß ich im Bankettsaal des Hotel President Wilson und an das Rednerpult trat Ferdinand Piëch. Der damalige Vorstandsvorsitzende des VW-Konzerns verkündete die Entscheidung, einen neuen Bugatti-Sportwagen in Serie zu bauen. Und er hatte auch ein paar Zahlen dabei: Das Auto wird 1000 PS, 1250 Newtonmeter, acht Liter Hubraum und 16 Zylinder haben, dozierte Piëch, es wird in 2,5 Sekunden auf 100 km/h und in weniger als 15 Sekunden auf 300 km/h beschleunigen, und nicht zu vergessen, es wird 400 km/h schnell sein und 1 Million Euro vor Steuern kosten.
Es hätten auch die Autoquartett-Phantasien eines Kindes sein können, was da verkündetet wurde. In der Realität klang das freilich ein bisschen unheimlich, nicht ganz von dieser Welt. Piëch dagegen trug die Zahlen vollkommen ungerührt vor, wie einen Geschäftsbericht.
 
Die Episode um Bugatti zeigt, wie vielen andere davor und danach: Ferdinand Piëch dachte genau wie sein Onkel Ferry Porsche (entwarf den ersten Porsche) und vor allem sein Großvater Ferdinand Porsche (entwarf den VW Käfer) in ganz eigenen Kategorien. Sie alle hatten revolutionäre automobile Konstruktionen im Sinn, die es gegen alle Widerstände durchzusetzten galt.
Das Besondere an Ferdinand Piëch: Um seine Erfindungen durchzubringen, entwickelte sich der Maschinenbauer auch zum Topmanager. Sein Führungsstil wurde stets als vollkommen kompromisslos beschrieben und war für seine Umgebung sicher alles andere als einfach. Piëch sagte, er schmeiße lieber einen unfähigen Manager raus als später tausende Mitarbeiter, die unter dessen Entscheidungen zu leiden hätten. In Piëchs VW-Zeit sprach man mitunter von Ausführungskräften statt Führungskräften in Wolfsburg.
Aber seine Lebensleistung macht Piëch zu einer der wichtigsten Menschen der Autogeschichte und wohl zu jedem Mann, der die Autobranche in den letzten 50 Jahren am stärksten geprägt hat. Piëch hat ein großes Stück Industriegeschichte geschrieben, viele tausend neue Arbeitsplätze und viel Geld für die operativ nicht involvierten Mitglieder der Familie Porsche-Piëch inklusive.
 
Ein Blick auf diese Lebensleistung lohnt sich:

Mit der Entwicklung des Porsche 917 setzt Piëch als Technikchef um 1970 das Familienerbe aufs Spiel, das extrem teure Projekt bringt die Firma in die Nähe des Ruins. Aber das geniale Auto gewinnt Le Mans, macht die Marke Porsche bekannt und ebnet ihren Aufstieg zur Sportwagenmarke schlechthin, die sie heute ist.
 
Bei Audi bringt Piëch als Vorstandsvorsitzender mit TDI und quattro jene Technologien auf den Weg, die aus der verstaubten Marke einen innovativen Premiumhersteller machen, der auf Augenhöhe mit Mercedes und BMW fährt.
 
Den VW-Konzern baut Piëch als Vorstandsvorsitzender und später als Aufsichtsratschef zum Marken-Imperium mit Seat, Skoda, Audi, VW, Bugatti, Lamborghini, Bentley, Scania, Ducati und Co. aus. Die Qualität bei VW wird vom Problemfall zur Benchmark in der Branche. Lange bevor Klima-Diskussionen losbrechen, bringt VW unter Piëchs Regie das Drei-Liter-Auto in Serie und das Ein-Liter-Auto als Studie. Bei einer aberwitzigen Übernahmeschlacht kämpft Piëch später gegen den eigenen Cousin Wolfgang Porsche, aber am Ende gehören der Familie Porsche-Piëch gemeinsam 50 Prozent von einem Weltkonzern statt die Mehrheit an einer Sportwagenmarke.
 
In all der Zeit gab es genug Affären und Aufregungen: Piëchs Liasion mit Marlene Porsche auf privater Seite. In der Firma die Lopez-Affäre, einige teure Flops wie den VW Phaeton, die zu großen Teilen familieninterne Übernahmeschlacht Porsche-VW. Später der Bruch mit Winterkorn im Zuge der Diesel-Affäre, die von Winterkorn betriebene Absetzung Piëchs als Aufsichtsratsvorsitzender, am Ende verkauft Piëch sogar den Großteil seiner VW-Anteile. Alles Randnotizen im Vergleich zum großen Ganzen:

Mehr als zehn erfolgreiche und begehrte Automarken. Ein beispielloses automobiles Imperium mit über 650.000 Arbeitsplätzen, das es ohne Piëchs Grundsteinlegungen so nicht geben würde. Ferdinand Piëch hat in den letzten 50 Jahren mehr erreicht als jeder andere in der Autobranche.
Ferdinand Piëch (rechts) mit seinem Cousin Alexander und seinem Großvater Ferdinand Porsche.Ferdinand Piëch (rechts) mit seinem Cousin Alexander und seinem Großvater Ferdinand Porsche.
1963 mit Onkel Ferry Porsche.1963 mit Onkel Ferry Porsche.
Mit Rennfahrer Gerhard Mitter bei der Weltpermiere des Porsche 917 in Genf.Mit Rennfahrer Gerhard Mitter bei der Weltpermiere des Porsche 917 in Genf.
Piëch (im weißen Hemd) als Leiter der Entwicklungsabteilung bei Porsche in Zuffenhausen.Piëch (im weißen Hemd) als Leiter der Entwicklungsabteilung bei Porsche in Zuffenhausen.
Beim legendären Rennen Beim legendären Rennen "Targa Florio" in Sizilien als Porsche-Motorsport-Chef (Piëch links im hellen Mantel).
Als Mastermind von „quattroAls Mastermind von „quattro" und „TDI" bei Audi – Schlüsselinnovationen für den Aufstieg zur Premiummarke.
Als Architekt des VW-Markenimperiums.Als Architekt des VW-Markenimperiums.
Beim Golf-Produktionsjubiläum als Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG.Beim Golf-Produktionsjubiläum als Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG.
Mit „AutokanzlerMit „Autokanzler" Gerhard Schröder.
Mit dem Drei-Liter-Auto von VW.Mit dem Drei-Liter-Auto von VW.
Am Steuer des Ein-Liter-Autos VW XL1.Am Steuer des Ein-Liter-Autos VW XL1.
Bei der Grundsteinlegung zur Erlebniswelt „AutostadtBei der Grundsteinlegung zur Erlebniswelt „Autostadt" in Wolfsburg.
Mit Ehefrau Ursula bei der Begutachtung des von ihm maßgeblich geschaffenen Marken-Imperiums.Mit Ehefrau Ursula bei der Begutachtung des von ihm maßgeblich geschaffenen Marken-Imperiums.
Bei der Verkündung neuer Rekordzahlen als VW-Aufsichtsratsvorsitzender.Bei der Verkündung neuer Rekordzahlen als VW-Aufsichtsratsvorsitzender.
Mit Ehefrau Ursula in Le Mans.Mit Ehefrau Ursula in Le Mans.
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