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GERALD ENZINGER ÜBER FORMEL E & FORMEL 1

Als Racer durch die Jahrhunderte

Erst bei der historischen Formel 1, dann bei der Formel E - und das in einer Woche. Eindrücke meiner Zeitreise.
Als Reporter des Rasens kommt an man so manch denkwürdigen Ort der Tempo-Kultur: man sieht Sebastien Ogier & die jungen wilden Rallye-Finnen in Ouninpohja bei den legendären Sprüngen abheben (heuer übrigens nicht: die Passage wird aus Sicherheitsgründen gestrichen), erlebt Lucas Auer am Norisring, wie er im DTM-Mercedes spektakulär überholt, sieht die LMP1-Raketen in den Wäldern von Le Mans verschwinden, und Lewis Hamilton, wenn er aus dem Tunnel in Monte Carlo kommt. Oder wie es sich Marc Marquez und Andrea Dovizioso in der Zielkurve von Spielberg so richtig besorgen, wie die Helden des Erzbergs sich beim Rodeo über die Felsen quälen oder wenn Franky Zorn auf Eis und ohne Bremsen auf seinem Speedway-Gerät mit der Physik spielt, mit je 160 langen Nägeln in den Reifen.

Diesmal aber hatte der Zufall für mich eine höchst spannende Zeitreise in den Termin-Kalender geschrieben: Denn ich verbrachte erst das Wochenende bei der "historischen Formel 1" in Imola, um dann zur Formel E nach Paris zu reisen, die sechs Tage später über die Bühne ging. Zwei offizielle Meisterschaften der FIA - und doch könnte der Unterschied nicht grösser sein.

Ich erlebte in wenigen Tagen Rennsport aus zwei verschiedenen Jahrtausenden, und das kann man wörtlich nehmen.

Imola - das ist Wildnis. Und die Autos dort sind die letzten Wildtiere des Rennsports. Aus einer Zeit, in der man diese blechernen Wesen vergötterte. Generationen haben sie angehimmelt - selbst wenn sie für viele Piloten zur Hölle auf dem Asphalt wurden. Je lauter, gewalttätiger und stinkender sie waren - desto mehr neigte man dazu, sie zu vergöttern. Doch das Klima hat sich im wahrsten Sinne des Wortes geändert - und heute wirken diese archaischen Monster wie Dinosaurier. Aber wie Dinos, die wir immer lieben werden.

Die Historic Formel 1 Serie der FIA ist eine der letzten Auslaufzonen dieser Zeitzeugen. Hier können sie noch ohne Beschränkungen bewegt werden - all die Vollgas-Geräte von Marken wie Lotus, Williams, Brabham, Tyrrell, Arrows, ATS oder March. Die Ferraris, die Lieblinge der Tifosi, gibt es aber nur in Präsentations-Runden im Rahmenprogramm. Da die Werke es nie nötig hatten, ihre alten Autos zu verkaufen, fahren nun auch keine Genteman-Driver damit, die sich wie in der Historic F1 einen Jugendtraum erfüllt haben und die jetzt mit den einstigen Autos von Idolen wie James Hunt, Emerson Fittipaldi, Keke Rosberg, Mario Andretti oder Elio de Angelis angasen dürfen. Auf der berühmten Rennstrecke von Imola, wo trotz der Modernisierung der Boxen immer noch das Gefühl der Geschichte(n) omnipräsent ist. Hier haben sich Gilles Villeneuve und Didier Pironi in Minuten von besten Freunden in Todfeinde verwandelt, der Beginn einer Tragödie. Hier haben die Leben von Roland Ratzenberger und Ayrton Senna geendet, und Riccardo Patrese ist 1983 in Tränen ausgebrochen. Er war im Brabham in Führung liegend bei seinem Heim-Grand-Prix ausgefallen - und Zehntausende seiner Landsleute jubelten, weil dadurch der Franzose Patrick Tambay im vergötterten Ferrari siegen konnte.

Nun ist Patrese einer der Star-Gäste, der den Fans den ganzen Tag für Gespräche und gemeinsame Fotos zur Verfügung steht - wie auch Rene Arnoux oder Jacky Ickx und Arturio Merzario. Die Leute lieben es mit ihren Helden zu reden, sie erinnern sich an jedes Detail von deren Karrieren und wollen alles über die Monster wissen, die sie in den Rennen bewegt haben.

Es stinkt in Imola, oder wie die Petrolheads sagen: es riecht. Es ist kreischend laut, denn die V8-Cosworths und die V12-Ferraris machen Musik für die Zielgruppe. Allzu viele Zuschauer sind es nicht, dafür ist auch das Wetter zu schön und das Meer zu nah. Aber die, die da sind, sind kaum heimzubekommen. Viele haben ihre Kinder mit und man ahnt, dass sie damals vor 30, 40 Jahren genau so mit ihren Vätern hier waren und von der Droge Rennsport angefixt wurden.


 

Formel E vor dem Eiffelturm.Formel E vor dem Eiffelturm.
Boxen-Ambiente in der City.Boxen-Ambiente in der City.
Action pur am Start.Action pur am Start.
Paris dagegen hat einen ganz anderen Klang als Imola. Als Rennsport-Serientäter ist man irritiert. In den Boxen riecht es nicht nach Benzin, und wenn die Mechaniker an den Formel-E-Boliden arbeiten wirkt das steril, man kann wenig sehen, was da passiert - es ist mehr eine Frage von Computern, Sensoren und der Software. Hier arbeiten keine Handwerker an der Box, und es werden keine ölverschmierten Hände gereicht, man sieht etwas ratlos Wissenschafter bei der Forschung zu.

Auch das ist spannend, es ist wie eine Reise in die Zukunft. Manches in der Formel E wirkt noch unbeholfen und das der VIP-Bereich ausgerechnet "Emotion-Club" heisst, das ist etwas großspurig. Denn wenn in der Formel E definitiv etwas noch fehlt, dann ist das eben "Emotion". Die Zuschauer machen eher den Eindruck von (interessierten) Messebesuchern, denen zufällig ein Autorennen gezeigt wird. Als der Deutsche Daniel Abt spektakulär überholt, fällt auf, dass selbst die Gäste seines Teams nicht viel mehr tun, als zu nicken. Bei einem Summit von DS Automobiles sagen nur 15 oder 20 von 100 Gästen, das sie je ein Autorennen gesehen haben.

Am Podium sitzt ein chinesischer Investor, der den siebentgrössten Windstromkonzern der Welt leitet neben jener hochrangigen UNO-Beamtin, die einst das historische Klimaabkommen mitentwickelte. Und neben dem spannend und leidenschaftlich erzählenden Chef von DS Automobiles sitzt ein Top-Manager der Green Bank in London, die ökologisch nachhaltige Riesen-Projekte finanziert.
Brabham-Martini-Legenden.Brabham-Martini-Legenden.
Der ATS von Marc Surer.Der ATS von Marc Surer.
Ferraris 80er-Flügelsalat.Ferraris 80er-Flügelsalat.
Und spätestens hier begreift man: Ja, das alles macht Sinn.

Noch ist der Besuch eines Formel-E-Rennens wie die Party, zu der man überpünktlich gekommen ist und wo noch nicht alle in Stimmung sind.

Aber kaum wer zweifelt, dass es eine tolle Veranstaltung wird. Schon in zwei, drei Jahren, wenn die Autos durchfahren und die Batterie-Ladungen andere Distanzen ermöglichen werden die hier engagierten Auto-Konzerne und auch jene anderer nachhaltiger Industrien enorm von den Entwicklungen in der Formel E profitieren.
Wie so oft ist der Rennsport (man denke nur an den Hybrid) ideal für die Wissenschaft. Vieles kann verdichtet, schnell und intensiv erprobt und entwickelt werden.
Und so steht am Ende zweier völlig unterschiedlicher Rennwochenenden, die sich im Ambiente, im Ton und im Speed kompett unterscheiden, eine klare Erkenntnis.

Rennsport macht Sinn - und zwar in vielen Facetten.
Zum einen als hochwissenschaftliches Labor, in dem Lösungen für die Zukunft gesucht oder gefunden werden. Von tollen und visionären Menschen in Konzernen, die heute schon an morgen denken.

Aber ich möchte auch die kleine "Insel" Imola nicht missen, mit ihren Zeitreisen bei 300 km/h und mehr. Ein Relikt aus einer anderen Zeit, ein lärmendes Museum der Sinne.

Das eine bedient das Hirn und kann einmal unser aller Leben retten, oder es zumindest verbessern.
Das andere kümmert sich um das Herz und kann vielen von uns das Leben verschönern. Wenigstens für ein paar Runden, bis der Tank leer ist.
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