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GERALD ENZINGER

Schluss mit dem Theater!

Endlich heulen wieder die Motoren – und es geht wieder los! Nach einer gefühlten Ewigkeit voller absurd-lächerlicher Sim-Rennen, lächerlich-absurder Regelideen und absurder Lächerlichkeiten im Allgemeinen wissen wir nun mehr denn je, was wir am echten Motorsport – der atmet, der stinkt und der angreifbar ist – haben.
Es ist ein Klang, der beglückt.

Der Formel-1-Renault von Dani Ricciardo in Spielberg, die WTCR-Hondas von Tiago Monteiro oder Esteban Guerrieri am Salzburgring, Laura Kraihamers Golf oder der Porsche von Klaus Bachler und Martin Ragginger auf der Nordschleife – endlich kann man dieser Tage wieder richtige Motoren hören. Die ersten Tests laufen wieder.
Der Motorsport ist zurück am Weg zu einer Normalität. Mag sie auch noch eine neue Normalität sein – sie tut einfach gut.

Was haben die vergangenen Monate schon genervt!
Wobei ich damit nicht einmal so sehr den Stillstand meine, sondern dessen Begleitgeräusche.

All die Pop-Up-Hysterien, die die Leere befüllen sollten – egal ob es um Transferspekulationen ging, oder um Aussagen-Interpretationen.
All die vielen Theorien um die Zukunft von Fahrern, Teams oder ganzen Serien. Sie handelten nicht selten aus einer reinen Sport-Käfig-Perspektive unter kompletter Ausblendung des echten Lebens und der Ereignisse und Probleme in der Autoindustrie.
Und dann auch noch das E-Racing! Am Anfang noch als nette Alternative angedacht, hat sich der E-Sport am Ende doch nur als Spielzeugmonster mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne entpuppt.
Wenn Autokonzerne (BMW fällt mir hier als erstes ein) E-Racing immer öfter in Interviews und Aussendungen in einer Reihe mit Serien wie der DTM oder der WEC nennen und so tun, als ob das echter Motorsport wäre, so weiß man spätestens jetzt:
Nein, die Simulation kann und wird die Realität und deren Orginalität (im wahrsten Sinn des Wortes) nie ersetzen.

Bei allem Respekt vor den Leistungen bei hochwertigen Sim-Races: vor allem die kurzfristig und aus ausschließlich kommerziellen Gründen erfundenen E-Race-Versionen der Formel 1 und der MotoGP waren eine einzige Demonstration GEGEN diese Art von Racing.

Rennen, in denen jeder Fußball-Tormann oder Schauspieler gegen die Formel-1-Stars fahren kann; Piloten wie Nico Hülkenberg, die mit Fahrhilfe (!) fahren; Autos, die selbst in 24-Stunden-Rennen nicht kaputt gehen können, weil der Schadensmodus deaktiviert ist. Dazu technische Unzulänglichlichkeiten: Unser Dakar-Hero Matthias Walkner trainierte 30 Stunden für seinen Einsatz beim GP von Baku für Red Bull Racing – dann konnte er wegen eines Softwareproblems aber gar nicht starten. Sein Teamkollege Alex Albon verlor die "WM", da er eine schlechtere Internetverbindung hatte als seine Rivalen. Und Daniel Abt zerstörte sogar seine Karriere, weil sein jeder Hinsicht schlechter und schlecht organisierter Gag mit einem geheimen "Ersatzpiloten" daneben ging.

Am Ende hatten diese E-Racing-Spiele fast nur Verlierer – vielleicht mit einer Ausnahme: "Weltmeister" George Russell konnte einmal mehr zeigen, was für ein Talent er ist und Punkte sammeln in seiner Kampagne, ab 2021 Mercedes-Werkspilot zu werden.

Und dann wäre da noch eine absurde Debatte aus dem Corona-Frühjahr. Der verzweifelte Versuch, die Formel 1 mit lächerlichen Regeländerungen attraktiver zu machen – meist aus der Playstation-Welt übernommen und daher entsprechend weltfremd.

Die Idee, die Piloten im zweiten Rennen oder zumindest im Qualifikationsrennen für den zweiten GP an einer Strecke (also zb. in Spielberg am 11./12. Juli) in umgekehrter Reihenfolge des Ergebnisses im Rennen davor antreten zu lassen, ist ja nahezu schon grotesk.
Wenn die Formel 1 es nötig hat, auf so künstliche und lächerliche Weise Spannung zu erzeugen, kann sie es gleich sein lassen. Wir erlebten seit vielen Jahren in der GP2 bzw. jetzt in der Formel 2 Sonntags-Rennen, in denen der (Zufalls-)Achte des Vortages in der Pole Position ins Rennen gehen darf. Was auf Strecken wie Monaco der fast sichere Sieg ist. Wertvoll und wertlos zugleich.

Würde man im Fußball derartige Phantasien haben, müsste Bayern München in jedem Spiel in der Deutschen Bundesliga mit einem 0:3-Rückstand ins Rennen gehen und im Ski hätte Marcel Hirscher einst erst nach einer Sekunde Wartezeit in den Slalom starten dürfen.

Die Formel 1 mag oft fad sein und vieles in der Show gehört verbessert und vor allem müssen die Ausgangbedingungen bei Budget und den Startprämien fairer werden. Aber niemanden ist geholfen, wenn Erfolge (=Leistungen) von Teams wie Mercedes oder Red Bull Racing bestraft werden.

Macht man das, ist die Formel 1 vom sportlichen Wert her das neue Wrestling, eine Gaukler-Veranstaltung.

Beenden wir das (Pausen)-Theater.
Die WM 2020 wird auch ohne (zu) künstliche Spannungselemente eine interessante sein.
Lewis Hamilton hat wie Max Verstappen und Sebastian Vettel auf die lächerliche Playstation-Formel-1 verzichtet.Lewis Hamilton hat wie Max Verstappen und Sebastian Vettel auf die lächerliche Playstation-Formel-1 verzichtet.
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