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GERALD ENZINGER

Vettels Arrividerci

Arrividerci! Sebastian Vettel und Ferrari trennen sich – und damit endet die Karriere des vierfachen Weltmeisters vermutlich auch schon vorzeitig, mit dann erst 33 Jahren. Sein Traum mit der berühmtesten Marke der Welt Campione zu werden, dürfte unerfüllt bleiben. Einige Tage im Sommer 2018 haben das Projekt scheitern lassen. Am Ende war der Abgang von einem ihm zunehmend fremden Team unvermeidlich. Für Sebastian bleibt nun wohl nur die Frührente – oder ein Wunder namens Mercedes.
Ferrari und Sebastian Vettel trennen sich.

Der Vertrag, der nach dieser Saison (sollte sie einmal beginnen) ausläuft, wird nicht mehr erneuert – die Verhandlungen sind gescheitert.
Laut italienischen Meldungen soll es am Geld gescheitert sein, der Deutsche hätte einen dramatischen Gehalts-Cut nicht akzeptiert. Das dürfte wohl nur ein Teil des Problems gewesen sein – Vettel ist zwar auch einer der vielen Rennfahrer, die nichts zu verschenken haben (die Honorrarrechnung für seinen ersten Sieg schickte er noch vor der Siegesparty), aber er ist auch einer der bodenständigsten Piloten – und sich gewiss bewusst, dass die fetten Jahre im Sport fürs Erste vorbei sind. Gerade auch in Italien.

Der Grund liegt tiefer und er erinnert an seinen Abgang bei Red Bull 2014.
Wieder ist ihm das eigene Team fremd geworden, fühlt er sich (ob berechtigt oder nicht) verlassen.
Sebastian ist ein treuer Mensch, geprägt von seinen Eltern und seiner eigenen Beziehung, die seit Kindertagen besteht. Und er ist in seiner Familie auch so etwas wie ein gefühltes Einzelkind. Er hat sich schwer getan, als "sein Red-Bull-Team", das er zum Weltmeister gemacht hatte, bei seiner ersten Krise gleich mit Neuankömmling Dani Ricciardo "schatzte". Es hat ihn befremdet, dass sein enger Freund und Teamchef Christian Horner seine Langzeit-Freundin kurz nach der Geburt des gemeinsamen Kindes verlassen hat, für ein Spice Girl. Wer so sensibel bei solchen Themen ist, der kann sich in seiner aktuellen Situation bei Ferrari nur unwohl fühlen.

Dort hat spätestens mit dem schnellen Aufstieg von Charles Leclerc und unter dem in seiner Multi-Tasking-Rolle überforderten Mattia Binotto wieder das Lager der Todts die Macht übernommen. Jean Todts Sohn Nicolas ist der Manager von Leclerc und er ist ein verdammt guter Manager. Politisch gewieft kann er wie kaum ein anderer die Netze so knüpfen, dass am Ende sein Klient das Team unter Kontrolle hat.

Für Vettel, der in in der Schweiz wohnt und dem Politik ein Greuel ist, ist genau dies der falsche Platz.
Aber das es soweit kommen, hat er auch selbst mitverschuldet. 2018 lag er in Hockenheim in Führung, vor dem eigenen Publikum – und hätte er dieses Rennen zu Ende gefahren und gewonnen, er wäre wohl Weltmeister geworden und eine Legende in Rot.

Wie wir wissen, hat er das Auto aber versenkt und es war die Wende in seiner Karriere.

Auch weil der führungslose Ferrari-Haufen ihn in den Wochen danach im Stich ließ – und ihm etwa beim geplanten Pflichtsieg auf der Highspeed-Strecke in Monza dazu zwang, im Qualifying den Windschatten-Spender für Kimi Räikkönen zu machen. Eine groteske Fehlentscheidung, die unter einem Helmut Marko oder einem Toto Wolff undenkbar wäre. Und die dazu führte, dass Vettel zunehmend die Nerven weggeworfen hat und unter Druck auch weitere Fehler machte. Zu viele für einen Könner dieser Klasse.

Und nun?
Ferrari wird Leclerc zur absoluten Nummer 1 machen und dazu einen schnellen, fehlerlosen und konstanten Nummer-2-Piloten suchen. Carlos Sainz und Dani Ricciardo sind die logischen Kandidaten für diesen Job.

Vettel aber könnte seine Karriere beenden. Seine Optionen sind nicht sehr vielversprechend.
- McLaren wird am häufigsten genannt. Er ist dort gut vernetzt und mit Mercedes als Motorenpartner ab 2021 wird das Team einen großen Schritt nach vorne machen können. Aber ob Vettel Lust hat, wieder zwei oder drei Jahre in den Aufbau eines Teams zu investieren? Das darf bezweifelt werden.

- Renault ist mit diesem Argument dann wohl ebenso keine Option. Und sowohl bei Renault als auch bei McLaren kann mit bestem Willen nicht davon ausgehen, dass diese Teams mehr zahlen können als Ferrari es getan hätte. McLaren-Boss Zak Brown ist ein Kämpfer für die Budget-Obergrenze, Renault steckt im Corona-Schock – nicht gerade der perfekte Moment, um sich einen Piloten der Luxus-Klasse zu leisten.

- Mercedes. In den fetten Jahren wäre das eine gute Option gewesen. Toto Wolff mag Vettel sehr und sie würden gut zusammen passen. Aber Lewis Hamilton hat sich hier die Hausmacht erobert (mit Leistung) und nun ist Mercedes auf Sparkurs und ein Duo mit beiden Mehrfach-Weltmeistern unfinanzierbar. Nur wenn Hamilton in einer Sensations-Aktion zu Ferrari geht, wäre plötzlich Platz für Vettel.

Realistisch ist also ein Karriereende – oder zumindest eine Pause, wie sie einst etwa der von Vettel geschätzte Alain Prost gemacht hat.
Weniger realistisch ist, dass Ferrari heuer noch Weltmeister wird und vielleicht sogar Vettel. Nach dem Skandal im Vorjahr, als einige Siege anscheinend illegal errungen wurden, kann man davon ausgehen, dass die Italiener unter verschärfter Kontrolle der Konkurrenz stehen werden und sich an die Regeln halten. Und dann dürfte der Motor nicht gut genug sein, um es mit Mercedes und Honda aufnehmen zu können.

Vettels Lebenstraum mit Ferrari Weltmeister zu werden, er scheint nicht in Erfüllung zu gehen.
Vettel und Leclerc: Gegen den bestens vernetzten Todt-Schützling war der unpolitische Deutsche dem Untergang geweiht.Vettel und Leclerc: Gegen den bestens vernetzten Todt-Schützling war der unpolitische Deutsche dem Untergang geweiht.
Vettel liebte Ferrari seit seiner Kindheit – der Traum, damit Weltmeister zu werden, dürfte einer bleiben. 2018 hätte Vettel liebte Ferrari seit seiner Kindheit – der Traum, damit Weltmeister zu werden, dürfte einer bleiben. 2018 hätte "es" passieren müssen.
Ein Bild, das es im Lauf der Saison 2019 zu oft gab: Vettel hinter Leclerc. Vor allem im Qualifying wirkte der Monegasse souveräner.Ein Bild, das es im Lauf der Saison 2019 zu oft gab: Vettel hinter Leclerc. Vor allem im Qualifying wirkte der Monegasse souveräner.
Das Ferrari-Team ist führunglos. Binotti, ein toller Technik-Chef, ist als Das Ferrari-Team ist führunglos. Binotti, ein toller Technik-Chef, ist als "Nebenbei"-Teamchef überfordert. Das Vakuum führt dazu, dass Ferrari im Moment noch politischer ist als sonst.
Aussteigen bitte: Sebastian Vettel wird Ferrari verlassen, wenn diese geplante Saison zu Ende ist.Aussteigen bitte: Sebastian Vettel wird Ferrari verlassen, wenn diese geplante Saison zu Ende ist.
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