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GERALD ENZINGER

Das Wunder Grosjean

Romain Grosjean geht als ein Wunder in die Formel-1-Geschichte ein. Erst knallte der Franzose mit einem zerissenen Auto durch die Leitschiene, dann überstand er knapp 30 Sekunden in einem Feuerinferno. Doch alles sieht nach einem Happy End aus. Das verdankt der Franzose auch Alex Wurz & Co.. Bald wird Grosjean seine Formel-1-Karriere wohl beenden. Dabei ist er ein in vielfacher Hinsicht unterschätzter Pilot. Aber auch einer, der ein Leben abseits der Ringe hat. PLUS: Gerhard Bergers Analyse seines Feuer-Dramas 1989 in Imola. Und warum Grosjeans Lebensretter Van der Merwe der schnellste Formel-1-Pilot aller Zeiten ist.

Niemand wird diese Bilder je vergessen.
Wie Romain Grosjean, 34 Jahre jung und dreifacher Familienvater, nach 30 Sekunden in einem brennenden Monster aus diesem kletterte. Er entstieg mit nur mehr einem Schuh und es war keine Sekunde zu früh. So beeindruckend das Material seiner Kleidung sich dem Feuer widersetzte, das Visier an seinem Helm begann schon zu schmelzen. Aufmerksam sprühte der Strecken-Marshall mit dem Feuerlöscher daher einen Weg für den Franzosen frei, ohne ihn direkt im Gesicht zu treffen.

Keiner wird diese fast biblischen Bilder aus dem Kopf bekommen. Wie Grosjean, gestützt vom Medical-Car-Fahrer Alan van der Merwe und von Rennarzt Ian Roberts dem Inferno entkam und selber am Rücksitz Platz nehmen konnte.
Kaum zur Erstuntersuchung im Medical Center angekommen und wohl im Schock sogar lächelnd konnte Romain sofort mit seiner Frau Marion Jolles-Grosjean telefonieren. FIA-Präsident Jean Todt hatte sie angerufen und ihm das Telefon ans Ohr gehalten.

Romain Grosjean ist einer der umstrittensten Fahrer in der Formel 1 – er hat schwere Unfälle ausgelöst, schon in der GP2, wo er einmal Andreas Zuber torpediert hatte, dann auch 2012 in Spa wo einen der gefährlichsten Unfälle des Jahrzehnts ausgelöst hatte. Seit diesem Unfall hat Romain immer wieder psychologische Hilfe in Anspruch genommen, wie er erst kürzlich in einer für die Formel 1 unüblichen Offenheit bekundet hat.

Für mich war er immer schon ein extrem netter Mensch und eine spannende Persönlichkeit. 2009 ist er – als Folge des Singapur-Crashgates im Jahr davor – als Nachfolger von Flavio Briatores "Verräter" Nelson Piquet jr. unerwartet schnell ins Formel-1-Cockpit gekommen – und gescheitert. Kein Wunder, als Rookie mitten in der Saison bei Renault gegen den Hausherren Fernando Alonso antreten zu müssen, das hätte höchstens ein Lewis Hamilton gekonnt.

Grosjean flog bald aus der Formel 1 – und er tat etwas für einen Grand-Prix-Star völlig Unübliches. Er begann mit einer "normalen" Arbeit, und arbeitete für eine Bank in Genf.

Parallel erkämpfte er sich über die GP2 Asia und die GP2 (Meister 2011) eine zweite Chance in der Formel 1. Und er nutzte sie. Im schwarz-goldenen Lotus und in dem wohl coolsten Team dieser Zeit zeigte er sensationelle Rennen. In Summe kam er zehn (!) Mal auf das Podium und am Nürburgring etwa war er absolut nah dran zu gewinnen. Ende 2013 war er eine Zeitlang der schnellste Mann der Formel 1 – abgesehen von Sebastian Vettel, der in einer eigenen Welt fuhr in dieser Zeit.

Grosjean, Sohn einer Künstlerin und Enkel eines Ski-WM-Teilnehmers, holte mit Lotus 2014 noch ein Hybrid-Podium, dann wechselte er überraschend zum Rookie-Team Haas.
Romain machte diesen mutigen Schritt in der Hoffnung, sich so eine Tür bei Ferrari aufzumachen – doch der Traum ging nie in Erfüllung. Bei Haas machte er Fehler, die allen auffielen, und einige absolut geniale Rennen, die weniger in die Schlagzeilen kamen.
Bis heute wird er verspottet, weil man nach einem selbstverschuldeten Crash die Frage am Funk hörte "I think it was Ericsson´s Fault" - doch Marcus Ericsson war meterweit weg. Seitdem wird Grosjean verhöhnt – dabei war es gar nicht er, der das am Funk gesagt hatte – sondern sein Renningenieur, der die Situation noch nicht richtig gesehen hatte. Aber wen interessiert schon die Wahrheit, wenn sie die Pointe killt?

Nun geht Romains Formel-1-Zeit bei Haas zu Ende, das Team wird ihn wohl durch Paydriver Mazepin und einen Ferrari-Junior (vermutlich Mick Schumacher) ersetzen.

Der in Genf lebende Doppelstaatsbürger (Schweiz/Frankreich) nahm es mit Fassung – so unstet er manchmal auf der Strecke ist, so entspannt ist sein Privatleben. Seine Frau Marion (Heirat 2012) ist seine Langzeit-Partnerin und als TV-Moderatorin in Frankreich selbst ein Star. Gemeinsam haben sie drei Kinder und sie schreiben – Kochbücher.

Dass diese Idylle weiterleben kann, verdanken die liebenswerten Grosjeans einigen verstorbenen Vordenkern.
Professor Sid Watkins (der berühmte Formel-1-Rennarzt) und Charlie Whiting (Formel-1-Sicherheitschef) haben über Jahrzehnte für eine sichere Formel-1-gekämpft. Und mit ihnen auch Visionäre wie Alexander Wurz.
Alex hat wie kaum ein anderer an der Entwicklung von Halo mitgearbeitet und diesen "Heiligenschein", der die Köpfe der Fahrer schützt, propagiert. Dafür gab es viel Häme von Formel-1-Nostalgikern, die sich über die klobige Ästhetik des Bügels beschwerten. Auch ich war sehr skeptisch, um es mal vorsichtig zu formulieren.


Zum Glück habe ich mich ebenso getäuscht wie es Romain Grosjean getan hat. In seinem ersten Statement aus dem Spitalsbett sagte er: „Ich war vor Jahren gegen Halo. Jetzt würde ich nicht mehr zu euch sprechen, wenn es dieser Erfindung nicht gegeben hätte.“


Inzwischen gibt es mehrere Fahrer – etwa Charles Leclerc oder Carlos Sainz – die dem Halo-System ihr verletzungsfreies Überleben nach Unfällen verdanken. Dutzende sind es in anderen Serien.

Nie aber war Halo so offensichtlich Lebensretter wie heute in Bahrain. Das Auto in zwei Teile zerrissen, raste der Cockpit-Part mit Grosjean durch die Leitschiene. Genau auf diese Weise sind in Watkins Glen binnen eines Jahres einst Francois Cevert und Helmut Koinigg (ein Wiener, 1974) zu Tode gestürzt. Details dazu erwähne ich lieber nicht.

Grosjean dagegen blieb voll bei Bewusstsein, er konnte sich nach knapp 30 Sekunden aus dem Cockpit befreien und flüchten.

Sein Überleben ist der Verdienst von Menschen wie Watkins, Whiting, Wurz und anderen. Menschen, die sich in dieser Hochrisikosportart nicht immer nur Freunde gemacht haben – wer zu viel an Sicherheit denkt, der gilt leider oft als uncool in dieser Branche.

Zum Glück sind sie alle ihren Weg gegangen.
Ob Grosjean die letzten beiden Rennen heuer noch fährt, ist irrelevant. So wie ich ihn kennengelernt habe, könnte ich mir vorstellen, dass er es sofort sein lässt.


Der langjährige Haas-Pilot hat auch ein cooles und schönes Leben abseits der Rennstrecke, ist mit seiner Familie glücklich. Vielleicht war einer der grausamsten nicht-fatalen und nicht-letalen Unfälle aller Zeiten für ihn ein Zeichen.

Vielleicht aber ist er am Freitag schon wieder im Training, am selben Ort – falls es seine Hände erlauben.
Denn der Rennsport wird auch von denen weitergeliebt, die in ihm fast umgekommen wären.

PS: Der Südafrikaner Alan van der Merwe, der das Medical Car lenkte, ist der schnellste Formel-1-Fahrer aller Zeiten. Als Testfahrer von BAR-Honda hatte er 2005 in der Mojave-Wüste sensationelle 413,205 km/h erzielt. Bis zu 60 Leute waren an diesem Projekt der Marketing-Abteilung beteiligt, bei Tests erzielte Van der Merwe damals diese Geschwindigkeit. Offiziell als Weltrekord gewertet wurde die Fahrt auf dem Salzsee bei Bonneville, die dann unter notarieller Aufsicht stattfand. Da kam der heutige Lebensretter auf 397,36 km/h – im Schnitt! Die Strecke war 17 km lang und ging geradeaus.

ANMERKUNG: 1989 überstand Gerhard Berger eine ähnliche Feuer-Katastrophe in Imola. Sehen Sie unten: einen bemerkenswerten ORF-Beitrag von Heinz Prüller, in dem Gerhard diesen Unfall analysiert.

UPDATE: Romain kann das Krankenhaus am Dienstag verlassen. Beim Rennen am Wochenende (erneut in Bahrain) wird er von Pietro Fittipaldi (Emersons Enkel) ersetzt.


 

Grosjeans erstes Video aus dem Spital: Grosjeans erstes Video aus dem Spital: "Ohne Halo könnte ich nicht mehr zu euch sprechen!"
Bei Lotus galt Romain als eines der größten Talente, 2012 und 2013 bot er absolute Weltklasseleistungen - etwa am Nürburgring.Bei Lotus galt Romain als eines der größten Talente, 2012 und 2013 bot er absolute Weltklasseleistungen - etwa am Nürburgring.
Helden bei der Grosjean-Rettung: Alan van der Merwe und Renn-Arzt Dr. Ian Roberts. (Screenshot von Sky)Helden bei der Grosjean-Rettung: Alan van der Merwe und Renn-Arzt Dr. Ian Roberts. (Screenshot von Sky)
Das Cover der größten französischen Sportzeitschrift dokumentiert das Feuer-Inferno.Das Cover der größten französischen Sportzeitschrift dokumentiert das Feuer-Inferno.
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