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ANALYSE: DIE ZUKUNFT VON VW

Was passiert mit Volkswagen?

Europas größter Autobauer präsentierte seine Strategie für die Zukunft – mit einigen großen Überraschungen: Jeder dritte VW soll in zehn Jahren rein elektrisch fahren, Nischenmodelle dafür sterben. Ob diese Rechnung aufgeht?
VW-Vorstandsvorsitzender Matthias Müller hat heute die Zukunftsstrategie für den Volkswagen-Konzern vorgestellt. Gab’s dabei Überraschungen?
Und ob. Klar war, dass Volkswagen in jenen Bereichen Gas gibt, die man in der Vergangenheit völlig verschlafen hat. Das sind zwei Hauptbereiche: die Elektrifizierung (reine E-Autos und Hybridfahrzeuge) und Mobilitäts-Dienstleistungen. Bei letzteren geht es zum Beispiel um groß angelegte Carsharing-Modelle wie Car2Go von Mercedes/Smart oder DriveNow von BMW/Mini. Die große Überraschung besteht aber in den Hoffnungen, die VW in die Elektromobilität setzt. VW prognostiziert, dass im Jahr 2025 schon ein Viertel aller weltweiten Neuwagen rein elektrisch fährt! Davon will man einen Marktanteil von 20 bis 25% erobern – das wären zwei bis drei Millionen Stück pro Jahr! Damit das gelingt, will VW in den nächsten zehn Jahren markenübergreifend mehr als 30 neue reine Elektrofahrzeuge auf den Markt bringen. Grob gesagt: In zehn Jahren soll jeder dritte VW einen reinen Elektroantrieb besitzen.

Überschätzt VW das Wachstum im Markt der Elektromobilität?
VW wird sicher Unsummen in Prognosen und Marktanalysen gesteckt haben; dieses rasante Wachstum wäre also möglich, auch wenn uns das aus heutiger Sicht völlig abstrus vorkommt. Andererseits: Es wäre nicht das erste Mal, dass sich Zukunftsforscher verschätzen. Betrachtet man die bisherige Performance und Markt-Akzeptanz von Elektrofahrzeugen, dann darf man skeptisch sein, ob die Rechnung von VW aufgeht. Und dann gibt es ja noch eine Überlegung: Elektromobilität ist nur dann sinnvoll, wenn damit parallel eine Energiewende einhergeht – sprich, dass die Energiegewinnung umweltfreundlich über Wasser-, Wind- oder Sonnenenergie erfolgt. Der Planet freut sich wenig, wenn man ein Elektroauto mit Strom fährt, der in einem Braunkohlekraftwerk hergestellt wurde. Oder in einem schlecht gewarteten Atomkraftwerk. Dass diese wünschenswerte Energiewende annähernd so schnell passiert wie VW das Wachstum an E-Fahrzeugen sieht, ist unwahrscheinlich.

Was bedeutet das für die Entwicklung?
VW setzt mit aller Kraft auf dieses Thema, sogar bei der Batterietechnologie will man eigene Entwicklungskompetenz aufbauen. Diese Ressourcen könnten in anderen Bereichen fehlen.

Was plant VW hinsichtlich der Mobilitätsdienstleistungen?
Auch hier will man Vollgas geben – mit schon erwähnten Carsharing-Modellen, Robotaxis und der Vermittlung von Fahrdienstleistungen auf Abruf, wie auch immer man das letztlich um- und durchsetzen will. In Summe plant VW, mit diesem neuen Geschäftsfeld in zehn Jahren bereits einen Milliardenumsatz zu machen.
2025 soll in etwa jedes dritte Konzernmodell mit reinem Elektromotor fahren – wie der e-up!, dessen Erfolg sich in Grenzen hielt.2025 soll in etwa jedes dritte Konzernmodell mit reinem Elektromotor fahren – wie der e-up!, dessen Erfolg sich in Grenzen hielt.
Könnte der geplanten Straffung des Modellprogramms zum Opfer fallen: Nischenmodelle wie das VW Golf Cabrio.Könnte der geplanten Straffung des Modellprogramms zum Opfer fallen: Nischenmodelle wie das VW Golf Cabrio.

Diese neuen Themen werden doch hohe Investitionen bedingen?
Richtig, gemeinsam mit noch mehr Power beim Thema des autonomen Fahrens rechnet VW für Elektro- und Mobilitätsthemen mit Investitionen im zweistelligen Milliardenbereich!

Woher soll das Geld kommen?
Der Konzern wird an allen Ecken und Enden sparen. Offiziell heißt es: effizienter werden. Klar ist, dass VW das Modellprogramm durchforstet und die heute weltweit rund 340 Modelle umfassende Palette auslichten wird. Treffen wird es logischerweise Nischenmodelle – bei der Marke VW wären das beispielsweise das Golf Cabrio oder der Scirocco. Ob es dafür Nachfolger geben wird, ist daher wohl fraglich. Außerdem wird auch die Forschungs- und Entwicklungsabteilung weniger Geld bekommen. Auf der anderen Seite hat Matthias Müller angekündigt, die Verwaltung straffen und das Komponentengeschäft bündeln zu wollen. Auf deutsch: Es wird wohl noch mehr Gleichteile zwischen den Konzernmarken geben als bereits bisher. Und auch in den an Stückzahlen reichen Markt an Billigautos in Fernost will VW einstiegen – mit regionalen Partnern. Und dann wurde noch ein interessanter Satz verlautbart: „Zusätzliche Mittel für Zukunftsinvestitionen können auch durch eine Optimierung des bestehenden Marken- und Beteiligungsportfolios generiert werden.“ Das bedeutet: VW könnte sich von einer Marke (oder mehreren Marken) trennen. Welcher am ehesten? Wir (und viele andere Experten) hätten auf Ducati getippt, was allerdings Audi-Boss Rupert Stadler mittlerweile gegenüber dem britischen Motorrad-Fachmagazin MCN verneint hat.

Nannte der Chef neue Wachstumsziele?
Interessanterweise nicht. Das Ziel von Ex-Boss Martin Winterkorn, größter Autohersteller der Welt werden zu wollen, ist offenbar kein Thema mehr – zumindest in der Öffentlichkeit. Stattdessen will Matthias Müller die Kapitalrendite für die Aktionäre in die Höhe treiben und eine Umsatzrendite von stolzen sieben bis acht Prozent bis zum Jahr 2025 erzielen.
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