Test: Mercedes CLA Shooting Brake Elektrisch
Neue Klassik
Der Begriff Shooting Brake bezeichnete ursprünglich Pferdefuhrwerke und später individuell umgebaute Luxusautos von reichen englischen Jägern. Heute wird er für Lifestyle-orientierte Kombis mit abfallendem Heck verwendet, die sich von ihren zweckmäßigen Verwandten abgrenzen wollen: Mit 4,72 Metern Länge entspricht der CLA Shooting Brake einem klassischen Kompaktkombi, konzeptuell hat er sich aber zwischen Hatchback und Kombi angesiedelt. Seine Bananenform ist schnittiger und windschlüpfriger als kastenförmige Heckpartien. Der Designanspruch überwiegt hier den Familiensinn – was im Sinne des Erfinders ist: Mercedes selbst hat diese Mischformen mit dem CLS von 2004 und dem CLS Shooting Brake von 2012 als Gegenpol zu den allgegenwärtigen Vernunftdesigns entwickelt.
Die zweite Generation des CLA steigt auf die komplett neu entwickelten MMA-Plattform (Mercedes Modular Architecture) um, mit der Mercedes im heiß laufenden Transformationswettbewerb zum Elektroauto dringend voll auftrumpfen will. Hybridvarianten mit 1,5-Liter-Ottomotor sind weiterhin verfügbar, technisch spektakulärer ist aber das elektrische 800-Volt-System mit fast 800 Kilometern WLTP-Reichweite und schnellem 320-kW-Laden.
Auch die Auswahl ist bei den Elektrogeräten deutlich größer: Der 272 PS starke Testwagen steht offiziell als „Mercedes-Benz CLA 250+ Shooting Brake mit EQ Technologie“ in der Liste und hat die größte Batterie (85 kWh) und die höchste Normreichweite (768 km) der Modellreihe. Alternativ gibt es den gleichen Motor als CLA 250 mit etwas kleinerer Batterie (71 kWh) und Reichweite (652 km). Das elektrische Einstiegsmodell CLA 180 hat 224 PS und einen 58-kWh-Akku für 525 Kilometer Normreichweite. Das Topmodell CLA 350 4Matic mit 354-PS-Allradantrieb und 85-kWh-Akku schafft 743 WLTP-Kilometer. Zusätzlich gibt es noch den AMG-Banger mit 680 PS. Die Normreichweiten des Shooting Brake übertrifft die CLA Limousine jeweils um rund 20 Kilometer.
Direkte Konkurrenz im elektrischen Kompaktklasse-Lifestyle-Kombi-Segment hat der CLA Shooting Brake nicht. Im weiteren Sinne lassen sich folgende Mittbewerber aufzählen: Die klassischer geschnittenen Opel Astra Sports Tourer und Peugeot e-308 SW, der größere VW ID.7 Tourer sowie die teureren BMW i5 Touring, Audi A6 Avant e-tron und Porsche Taycan Cross/Sport Turismo.
Wie schaut er aus?
Der CLA Shooting Brake ist ein völlig neues Auto, das muss man dazusagen, weil er seinem Vorgänger doch relativ ähnlich sieht. Nachdem die stilistisch allzu progressiven EQ-Modelle nicht begeistert aufgenommen wurden, sind Linienführung und Styling jetzt wieder klassisch und Mercedes-typisch. Der elektrische CLA wirkt mit seiner aerodynamischen Karosserie (cW-Wert 0,23) modern und doch wie ein vertrauter Anblick. Teil des Konzepts ist, dass der Designanspruch den Familiensinn überwiegt. Die kastenförmigen Heckpartien
klassischer Kompaktkombi haben mehr Stauraum, die Bananenform des Mercedes ist aber schnittiger und windschlüpfriger. Kopflastige Autos gibt es schon genug, dachte sich Mercedes vor gut 20 Jahre und stieß mit dem CLS ab 2004 die Entwicklung designorientierter Mischformen an.
Wie bei allen neuen Mercedes ziehen die Lichttechniker auch für den CLA ein Spektakel auf. Der CLA hat vorne und hinten ein durchgehendes LED-Band mit integrierten sternförmigen Leuchten. Auf der Kühlergrillmaske gruppieren sich 142 kleine Sterne und einen großen Mutterstern. Wer eine dezentere Optik bevorzugt, kann die beleuchtete Fahrzeugfront über das Menü ausschalten.
Der Shooting Brake entspricht mit 4,72 Metern Länge einem klassischen Kompaktkombi, ist konzeptuell aber zwischen Hatchback und Kombi angesiedelt.
Kleine Leuchtsterne gruppieren sich und einen großen Mutterstern.
Durchgehendes LED-Band mit integrierten sternförmigen Leuchten.
Fährt sich absolut geschmeidig: Der CLA Shooting Brake 250+ ist ein wunderbar komfortabler, leiser und trotzdem angenehm schwungvoller Kompaktkombi.Dominierende Element ist ein opulentes Bildschirmspektakel, das in der Kompaktklasse neue Standards setzt. Im Gegensatz zu einigen Konkurrenten, die sich bei den Bildschirmgrößen eher wieder einschränken, scheint Mercedes überzeugt zu sein, dass sich technologischer Fortschritt auch über das größtmögliche Format definiert. Das bleibt Ansichts- und Geschmacksache. Beeindruckend ist die Entschlossenheit von Mercedes, sich voll auf eine Seite zu schlagen und die Sache durchzuziehen.
Der MBUX Superscreen des CLA Shooting Brake ist eine vom Fahrer- bis zum Beifahrerfenster durchgehende Fläche mit hoher Bildqualität (in der Basisversion ohne Superscreen hat das Cockpit die gleiche Oberfläche, aber beifahrerseitig eine Sternen- statt der Bildschirmfläche). An das per Lenkradfernbedienung gesteuerte 10,25-Zoll-Fahrerdisplay schließen ein 14-Zoll-Touchscreen in der Mitte und ein weiterer 14-Zoll-Touchscreen vor dem Beifahrersitz an. Neben der Bildschirmgröße lassen auch Schnelligkeit und Aufbau des Betriebssystems den Eindruck entstehen, in einem der technisch modernsten Cockpits zu sitzen. Techies werden begeistert sein, gleichzeitig ist aber das deutliche Bemühen erkennbar, Konservative und Bestandskunden nicht vor den Kopf zu stoßen – denn in der alltäglichen Bedienung ist der GLC auffallend normal und ziemlich übersichtlich.
Sofern man Touchfelder statt Tasten für die Temperatursteuerung nicht als Zumutung versteht und sich an die anfangs etwas sensible Lenkradfernbedienung gewöhnt hat, wird man sich in Sachen Benutzerfreundlichkeit über wenig beschweren können. Alle wichtigen Dinge sind schnell erreichbar. Auch der Geschwindigkeitswarner hat einen unauffälligen Klang und ist darüber hinaus mit einem Knopfdruck deaktiviert. Der Mercedes-Superscreen ist also ästhetisch und hinsichtlich des Erlebnisfaktors ein Umbruch im Cockpit, aber nicht bedientechnisch. Zumal auch die Lenkradschaltung deutlich mehr Komfort bringt, der Automatikwahlhebel hinter dem Volant liegt gut in der Hand und ist im Vergleich zu den Lösungen in der Mittelkonsole die intuitivere Schaltvariante.
Für den Beifahrer bricht dagegen eine neue Zeit mit mehr Mitbestimmung und Vergnügen an, er kann auf seinem Touchscreen nicht nur auf Bedienebenen wie die Musikwahl zugreifen, sondern via Youtube, ZDF Mediathek oder Disney+ auch Filme oder die Highlights vom letzten Fußballspiel anschauen. Neben den direkt installierten In-Car-Apps hat das MBUX-Multimediasystem auch einen normalen Webbrowser. Über Bluetooth-Kopfhörer kann der Beifahrer seine Musik hören oder Spiele spielen, ohne den Fahrer abzulenken oder die Musik über die Hauptlautsprecher des Fahrzeugs zu blockieren. Und wer rechts keinen Bildschirm will, kann dort ein dezentes Dekorbild einstellen, der Screen wird dann kaum noch als solcher wahrgenommen.
Neben der im High-Tech-Umfeld doch überraschenden Benutzerfreundlichkeit überzeugt im CLA Shooting Brake das Qualitätsgefühl mit soliden bis hochwertigen Materialien. Nur die aufwändig geformten Lüftungsdüsen muten etwas billig an. Sie werden in der Nacht LED-beleuchtet und sorgen bei entsprechender Farbwahl für Nightclub-Atmosphäre. Dazu passt das wirklich exzellente Burmester-Soundsystems aus der Extraliste.
Sinn für das Praktische zeigt der Innenraum durch die großen Ablagemöglichkeiten, insbesondere in der Mittelkonsole bleiben nicht nur Handy und Schlüssel in Griffweite, sondern auch Geldbörsen und Lesebrillen. Das macht die ältere Generation glücklich.
Das Platzangebot ist vorne auch für große Fahrer und Beifahrer angenehm, die Sitze sind hervorragend und bleiben selbst in der AMG Line-Variante und bei sehr langer Benützung höchst komfortabel. Im Fond hat der CLA Shooting Brake mehr Kopffreiheit als die Limousine, bei der Bein-, Fuß- und Schulterfreiheit bleibt er dort aber eher bescheiden.
Der Kofferraum fasst 455 Liter. Mit umgeklappter Rücksitzbank (im Verhältnis 40:20:40 möglich) sind es auf der leicht ansteigenden Ladefläche bis zu 1.290 Liter Kofferraumvolumen. Dazu kommen weitere 101 Liter unter der Fronthaube, die auch beim Allradmodell mit zusätzlichem Motor vorne erhalten bleiben. Unter dem Strich also deutlich mehr Stauraum als bei einem Hatchback, aber auch spürbar weniger als bei einem kastenförmigen Kompaktkombi.
Bildschirmspektakel: Vor allem für den Beifahrer bricht mit dem 14-Zoll-Touchscreen eine neue Zeit mit mehr Mitbestimmung und Vergnügen an.
Die Sitze sind hervorragend und bleiben selbst in der AMG Line-Variante und bei langer Benützung höchst komfortabel. Viele Ablagemöglichkeiten.
455 bis 1.290 Liter: Deutlich mehr Stauraum als bei einem Hatchback, aber auch spürbar weniger als bei einem kastenförmigen Kompaktkombi.Absolut geschmeidig. Der getestete CLA Shooting Brake 250+ ist ein wunderbar komfortabler, leiser und trotzdem angenehm schwungvoller Kompaktkombi. Effektive Dämmung und Aerodynamik eliminieren die Wind- und Fahrgeräusche weitgehend. Das Stahlfahrwerk braucht keine elektronisch gesteuerten Dämpfer für gehobenen Komfort, weil es auf eine sportliche Abstimmung bewusst verzichtet und Unebenheiten bei langsamer wie schneller Fahrt gut wegbügelt. Die nicht allzu straffe Fahrwerksabstimmung und die eher leichtgängige, dennoch präzise Lenkung verhindern im knapp zwei Tonnen schweren CLA Shooting Brake zwar keinen flotten Fahrstil, überlassen die Fahrdynamik-Wertung aber gerne anderen. Ähnlich der Antrieb mit 272 PS und 335 Newtonmetern Drehmoment, er ist für einen Elektriker nicht ausgesprochen spontan oder sportlich im Antritt, aber feingeschliffen und immer schwungvoll genug für eine souveräne Beschleunigung. Mit hochwertiger neuer Elektro-Technik entsteht hier nichts anderes als ein hochkomfortabler Mercedes alter Schule. Und dieser Komfort ist, das muss man sagen, erstaunlich für die Kompaktklasse und natürlich auch auf deutlich höherem Niveau als beim Vorgänger mit Verbrennungsmotoren.
Auf dem hohem Technik- und Komfortniveau noch einmal hervorzuheben: Wie leise es im CLA Shooting Brake auf der Autobahn ist; wie das Auto dank Zweiganggetriebe auch oberhalb von 120 km/h ordentlich anschiebt, aber vor allem effizient gleitet (den Schaltvorgang spürt man durch eine kurze Leistungsunterbrechung); wie schnell das Auto durch seine 800-Volt-Technik laden kann (bis zu 320 kW Ladeleistung); wie es dadurch in zehn Minuten rund 300 Kilometer neue Reichweite zurückholt beziehungsweise wie es in 22 Minuten von 10 auf 80 Prozent kommt. Dass man das Gleichstrom-Ladesystem für DC-Laden mit 400 Volt (statt 800 Volt) und den On-board-AC-Lader mit 22 kW für jeweils 660 Euro dazukaufen muss, ist dagegen ärgerlich.
Dass Mercedes eine große 85-kWh-Batterie und einen extrem effizienten Antrieb kombiniert, führt zu enormen Real-Reichweiten im Test: Der CLA Shooting Brake braucht in der Stadt rund 11 bis 13 kWh, auf der Autobahn rund 14 bis 16 kWh. Im Schnitt ergab der Test ohne Sparzwang und inklusive Autobahnanteil 13,8 kWh. Das bedeutet über 650 Kilometer reale Reichweite.
Wie sind die Preise einzuschätzen?
Mit Preisen ab 57.360 Euro für den getesteten CLA Shooting Brake 250+ sowie einem Einstiegstarif von 51.330 Euro für den CLA Shooting Brake 200 bewegt man sich für einen Kompaktkombi in hohen Sphären (rund 3.500 Euro Privatkundenvorteil können aktuell abgezogen werden). Der Testwagen inklusive aller Extras kam gar auf 73.844 Euro. Für die Premiumklasse ist das freilich ein übliches Preisniveau, BMW und Audi verlangen für Modelle ähnlicher Größe ähnlich viel.
Mit seinem elektrischen CLA Shooting Brake bewegt sich Mercedes ungefähr auf dem Niveau der CLA-Modelle mit Verbrenner. Das Preis-Leistungs-Verhältnis spricht somit klar für das nochmal viel komfortablere Elektro-Modell.
Das Fazit?
Wunderbar komfortabler, leiser und trotzdem angenehm schwungvoller Kompaktkombi. Mit hochwertiger neuer Elektro-Technik entsteht ein Mercedes alter Schule – dem deutlich anzumerken ist, dass er im elektrischen Transformationswettbewerb dringend auftrumpfen will: Der extrem sparsame Elektroantrieb ermöglich enorme Reichweiten, die anspruchsvolle Batterietechnik schnelles Laden. Das beeindruckende High-Tech-Bildschirm- und das Lichtspektakel sind Geschmackssache, aber zum Teil optional. Dass der Designanspruch beim CLA Shooting Brake den Familiensinn überwiegt, ist im Sinne des Erfinders: Mercedes selbst hat diese Mischformen als Gegenpol zu den allgegenwärtigen Vernunftdesigns entwickelt.
Fazit von Motorprofis-Tester Fabian Steiner: „Wunderbar komfortabler, leiser und trotzdem angenehm schwungvoller Kompaktkombi. Mit hochwertiger neuer Elektro-Technik entsteht ein Mercedes alter Schule. Der extrem sparsame Elektroantrieb ermöglich enorme Reichweiten, die anspruchsvolle Batterietechnik schnelles Laden. Dass der Designanspruch beim CLA Shooting Brake den Familiensinn überwiegt, ist im Sinne des Erfinders".





