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IAN JAMES, MERCEDES EQ

Formel E: Hier spricht der Mercedes-Boss

Mercedes ist sehr stark in das Abenteuer ABB FIA Formel E gestartet – und führt mit Stoffel Vandoorne sogar die Meisterschaft an. Geleitet wird das Projekt vom smarten Engländer Ian James. Im Interview spricht er über die Erfolgsmethoden seines Chefs Toto Wolff, den Reiz der Formel E und das auch österreichische Piloten in Zukunft ein Thema sein könnten.

Wie waren die ersten Wochen in der Formel E für Sie, quasi der Beginn des "Ernst des Lebens"?
Ich bin sehr stolz, hier zu sitzen und den Stern auf dem Hemd zu tragen. Endlich! Wir wissen alle, dass die Formel E eine gewisse Komplexität hat. Das haben wir schon an den ersten Testtagen in Valencia erlebt. Wir hatten große Erwartungen, denn wir hatten durch den Privattest eine gewisse Stabilität erreicht. Die ersten zwei Tage haben uns gezeigt, dass man aber nie weiß, was passieren könnte. Wir hatten ein paar technische Herausforderungen, aber wir haben jetzt auch die Lösungen dafür gefunden. 


 Wie ist das mit dem Druck? Wenn man wo neu ist, hat man sowieso schon Druck. Aber wenn der Arbeitgeber in der Formel 1 so erfolgreich ist, die Marke so groß ist, dann will man Schritt halten.
Klar gibt es immer Druck, oder sagen wir: gewisse Erwartungen. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Wir haben 125 Jahre Heritage im Motorsport bei Mercedes-Benz, wir haben ein Formel-1-Team, das unglaublich erfolgreich ist. Aber intern wissen wir alle, wie groß die Herausforderung in der Formel E ist. In der Formel E weiß man durch diese Komplexität nicht ganz genau, was zu erwarten ist. Wichtig ist, dass wir alles im Griff haben, was wir kontrollieren können. Wir haben unsere Ideen im Kopf, was die Curveballs angeht, die auf uns zukommen werden. Wir müssen auch mit den Erwartungen von außen klarkommen. Alle wissen, dass wir in unser erstes Formel-E-Jahr gehen. Wir sind im Herzen Racer, und wir haben ein Hauptziel - und das ist, das Ding zu gewinnen.


 Wie viel vom letztjährigen HWA-Team steckt jetzt in diesem Team? Und wie wichtig war dieses eine Lernjahr, Porsche – zum Verglech - ist ja völlig neu in der Formel E, während Sie ein Versuchsteam hatten.
Ich glaube, es war schon wichtig. Und wir haben dadurch einen gewissen Vorteil, in erster Linie auf der operativen Seite. Die ist in der Formel E etwas Besonderes und nicht vergleichbar mit anderen Rennserien wie der Formel 1 oder Serien, in der wir als Mercedes bereits Erfahrung gesammelt haben. Ich muss allerdings auch dazu sagen, dass es einen Riesenunterschied gibt zwischen einer Teilnahme als Kundenteam, wie das letztes Jahr mit HWA der Fall war, und einer Teilnahme als Hersteller oder als Werksteam. Da befinden wir uns nach wie vor in einem Lernprozess. Wir hatten aber das Glück, dass viele Ingenieure und Mechaniker die gleichen Leute sind. Das haben wir natürlich bewusst so gemacht. Und wir nehmen jetzt diese Erfahrung mit in Season 6. Was dazu kommt, ist die ganze Erfahrung und Expertise von Mercedes-AMG High-Performance-Powertrains in Brixworth, die die ganze Power Unit entwickelt haben. Dadurch haben wir die richtigen Zutaten. Wir sind aber dabei, das richtige Rezept zu finden.


 Nyck de Vries ist eine mutige, spannende Entscheidung als zweiter Fahrer neben (dem Meisterschaftsführenden) Stoffel Vandoorne. Wie intensiv musste man nachdenken, um gleich im ersten Jahr einen Rookie ins Boot zu holen?
Ich glaube schon, dass es mutig ist – aber andererseits hat er auch ein unglaubliches Talent. Nyck hat das 2019 in der Formel-2-Meisterschaft gezeigt. Und er ist auch vom Charakter her einer, der eine gewisse Reife hat, was Teil der Gesamtentwicklung des Teams sein kann. Ich glaube, da haben wir eine Super-Gelegenheit genutzt, aber er ist auch ein Rookie. Er muss seine Race-Craft in der Formel E entwickeln, er muss die Details der Formel E kennenlernen. Und wir werden ihn diesbezüglich unterstützen. Wir haben aus diesem Grund entschieden, auch Gary Paffett mit an Bord zu nehmen - in seiner neuen Rolle, in der er nicht nur Ersatz- und Entwicklungsfahrer ist, sondern auch sportlicher und technischer Berater. Er war auch immer mit vor Ort, und das hat auch gezeigt, dass er einen großen Mehrwert bringt.


Normalerweise gibt es einen bestimmten Jahresplan, wenn Hersteller in eine Serie einsteigen. Gibt es den bei euch auch und kann man den kommunizieren?
Ja, den gibt es. Und nein, den können wir momentan nicht kommunizieren. Aber wie vorhin gesagt: Wir sind Racer, und es gibt ein klares Ziel. Nur haben alle anderen das gleiche Ziel im Kopf. Aus diesem Grund wird es a) eine Herausforderung und b) unglaublich spannend in den nächsten Jahren. Für Season 6 brauchen wir Highlights, aber es ist nicht unbedingt notwendig, dass wir in unserem ersten Jahr ganz an die Spitze kommen.

Der Belgier Stoffel Vandoorne (in der Formel 1 von Alonso zerstört) führt nun in der Formel-E-Meisterschaft.Der Belgier Stoffel Vandoorne (in der Formel 1 von Alonso zerstört) führt nun in der Formel-E-Meisterschaft.

Audi-Formel-E-Chef Allan McNish hat die Formel E als "Deutsche Bundesliga" bezeichnet. Erhöht das für euch den Druck, dass es jetzt gegen die anderen drei deutschen Hersteller geht?
Er hat vollkommen recht. Es fühlt sich tatsächlich wie in der Bundesliga an - oder wie bei einem Derby. Ich glaube nicht, dass das den Druck für das Team erhöht, aber es ist eine unglaublich spannende Geschichte. Es wird vor allem für die Fans in Deutschland sehr interessant sein. Wir haben eine schöne Mischung aus Teams, die bereits mehrere Jahre Erfahrung haben - wie Audi und BMW durch die Verbindung mit Andretti. Und Porsche und wir sind die Newbies, wir kommen neu herein. Das ist spannend zu beobachten. Man merkt jetzt schon, dass wir unterschiedliche Planungen und Vorgehensweisen haben. Aber am Ende sind auch die anderen internationalen Teams unsere Konkurrenten, die sind auch sehr gefährlich. Daher glaube ich, dass es eher für die Serie spannend ist und das Interesse steigert. Was super ist.

Ihr seid der einzige deutsche Hersteller, der keinen deutschen Fahrer hat. Habt ihr darüber nachgedacht, einen Deutschen zu nehmen, oder war das eine bewusste Entscheidung?
Wir haben uns nicht bewusst dagegen entschieden - oder dafür. Ich habe am Ende eine klare Liste an Anforderungen, was den Fahrer angeht. Stoffel und Nyck haben diese Anforderungen getroffen, aber ich würde es nie ausschließen, dass wir in der Zukunft einen deutschen Fahrer haben werden.


Stand ein Deutscher überhaupt zur Diskussion. Man hat ja eine Liste von Fahrern, die man so durchgeht...
Ich habe alle Fahrer angeschaut - und klar, es gab auch deutsche Fahrer. Das betrifft Fahrer, die bereits jetzt in der Formel E fahren, die in der Formel 2 oder in der Formel 1 fahren - oder in anderen Serien. Ich hatte das Glück, dass ich tatsächlich von Mercedes-Benz in Stuttgart oder von MercedesGP in Brackley keinen Druck bekommen habe, in welche Richtung wir gehen müssen. Alle haben das unterstützt und gesagt: Wir brauchen die beste Paarung für unser Team. Danach werden wir das beobachten und schauen, ob es funktioniert. Mit Nyck und Stoffel haben wir eine Entwicklungsmöglichkeit, die echt notwendig ist. Denn: In Brixworth wurde der beste Hybrid-Formel-1-Motor aller Zeiten gebaut.

Welche Vorteile bringt das für euch? Gibt es Synergieeffekte, die auch im Elektroantrieb eine Rolle spielen? Es gibt auf jeden Fall einen Wissenstransfer. Ich war selber zwischen 2011 und 2015 in Brixworth tätig, und ich finde es super, dass die Ingenieure von damals jetzt am Formel-E-Projekt arbeiten. Wie unser Chefingenieur in der Formel E. Er hat damals die MGU-H und anderen Teile des ERS-Systems entwickelt. Diese Erfahrung ist sehr wichtig, aber auch die Prozesse und Denkweise, die sie haben. Sie haben in der Formel 1 eine tolle Arbeit geleistet und haben auch in der Formel E bei der Hardware einen sehr guten Job gemacht. Dennoch glaube ich, dass es auch da einen gewissen Lernprozess gibt. Wir müssen Erfahrung und Expertise sammeln. Es gibt einen riesigen Unterschied, ob man einen Verbrennungsmotor und ein Hybridsystem hat, oder ob man in der Formel E nur den Elektromotor hat. Die ganze Software-Thematik ist ganz anders - und auch die Art und Weise des Anspruchs. Da haben wir in den ersten 18 Monaten sehr viel gelernt, aber dieser Lernprozess hört jetzt nicht auf. Er wird sich, denke ich, beschleunigen.
Noch nie gab es in einer Serie eine solche konzernmäßige Markenvielfalt wie in der ABB FIA Formel E.Noch nie gab es in einer Serie eine solche konzernmäßige Markenvielfalt wie in der ABB FIA Formel E.

Sie haben den Vierkampf der deutschen Hersteller angesprochen. Aber während in der Formel 1 die Kundenteams wie Racing Point und Williams nicht so die Rolle spielen, hat Mercedes auch in der Formel E ein Kundenteam mit Venturi, was mit der Teamchefin Susie Wolff ja auch eine gewisse Brisanz hat. Da kann man schon annehmen, dass das Kundenteam dem Werksteam Paroli bietet. Ist das etwas, was einem eher unter Druck setzt als der Kampf gegen die Hersteller, weil man nicht gegen ein Kundenteam verlieren will?
Im ersten Schritt haben wir vier Mercedes-Benz EQ Silver Arrow 01 auf der Rennstrecke - wir müssen eine etwas kürzere Bezeichnung finden (lacht). Ich habe das auf dem Bildschirm schon bemerkt, dass andere Teams so kurze Bezeichnungen haben. Und unser Name führt da zu gewissen Problemen. Nein, aber dadurch kriegen wir einen Vorteil, weil ich habe ja vorher über diesen Lernprozess gesprochen,  beziehungsweise über unsere Entwicklung. Und wir müssen das beschleunigen. Wenn wir vier Autos auf der Rennstrecke haben, dann haben wir einen viel größeren Stellhebel gegen die, die nur zwei Autos haben. Es gibt eine gewisse Kommunikation zwischen den beiden Teams, und das wird meiner Meinung nach gut funktionieren, aber am Ende sind wir auf der Rennstrecke auch Konkurrenten. Aber auch da sehe ich in unserer ersten Saison eher Vorteile, denn wenn die einen besseren Job machen, dann müssen wir uns die Frage stellen, warum das der Fall ist. Und dann sicherstellen, dass wir auch die notwendigen Änderungen durchführen. Ich sehe weniger Gefahr als Möglichkeiten und Gelegenheiten, uns intern zu verbessern.

Techeetah hat vor zwei Jahren das Renault-Werksteam geschlagen. Die hatten damals eine andere Software. Ist das bei euch so, dass Soft- und Hardware bei Werks- und Kundenteam komplett gleich sind und nur der Einsatz unterschiedlich ist, oder kann Venturi auch experimentieren?
Ich will nicht zu tief in die technischen Details gehen, aber was ich sagen kann, ist, dass wir während der Saison die Gelegenheit haben werden, die Software weiterzuentwickeln. Es ist ein Vorteil, dass wir vier Fahrzeuge haben anstatt zwei. Die Strategie, was wir genau machen werden, bleibt aber eine interne Gelegenheit.

Sie haben gesagt, dass bereits hier unterschiedliche Vorgehensweisen zu erkennen sind. Was macht Mercedes jetzt anders?
Ich glaube, die etwas neueren Teams, die auf der Rennstrecke sind, versuchen - wenn ich das beobachte - derzeit, eine gewisse Stabilität und Robustheit hinzukriegen. Das ist ganz wichtig für unser erstes Jahr. Deswegen sehen wir mehr Longruns. Bei den anderen Teams, die mehrere Jahre Erfahrung haben, habe ich das Gefühl, dass sie sich mehr auf Performance und das Feintuning konzentrieren. Wenn wir das richtig machen, erwarte ich aber, dass wir dann in der nächsten Saison auch eine andere Vorgehensweise haben werden.

Toto Wolff gibt als Motorsportchef von Mercedes die Linie vor, Ian James ist sein Vertrauter für die Formel E.Toto Wolff gibt als Motorsportchef von Mercedes die Linie vor, Ian James ist sein Vertrauter für die Formel E.
Mercedes hat unter Toto Wolff in der Formel 1 alle Rekorde gebrochen. Sie haben all die Jahre ja begleitet, waren Teil des Erfolges. Was macht dieses Team anders als die anderen?
Ich glaube, das ist unterschiedlich von Jahr zu Jahr. Und man muss eigentlich Toto fragen, was sein Geheimnis ist. Was ich beobachtet habe: Sie haben die Gelegenheit, sich jedes Jahr neu zu erfinden. Und das war ganz, ganz wichtig. Sie machen auch weniger Fehler als die anderen. Wir sprechen immer über marginal Gains. Die Konkurrenz ist sehr nah dran. Das merkt man jetzt schon. Was wir davon lernen können? Die Philosophie, die sie in Brackley und in Brixworth haben, müssen wir auch in die Formel E mitnehmen. Das ist ein Hauptvorteil dieser Zusammenarbeit, dass wir ein Schwesterteam in der Formel 1 haben, das sehr erfolgreich ist. Es geht weniger um einen Technologietransfer, sondern eher um die Denkweise und um die Prozesse, wie das Team agiert. Ich arbeite momentan sehr eng mit meinen Kollegen in Brackley zusammen, um sicherzustellen, dass wir das Beste mitnehmen.

 Lewis Hamilton spricht so oft wie kein anderer Rennfahrer von Nachhaltigkeit, vom Klimawandel. So gesehen müsste die Formel E sein langfristiges Ziel sein. Ist er ein ernsthaftes Thema im Team oder ist es für euch eher ein Ablenkung, wenn er mit euch in Verbindung gebracht wird und es heißt, er könnte mal Formel E fahren - allein schon aus ideologischen Gründen...
Toto hat einmal gesagt, dass Lewis herzlich willkommen ist. Er kann das immer ausprobieren. Ich habe aber bis jetzt keine Gespräche mit Lewis dazu geführt.


 Also auch nicht daran gedacht, ihn für einen Tag ins Auto zu setzen, um mal zu schauen, wie das läuft?
Er ist herzlich eingeladen, aber momentan ist nichts geplant.

 In Anschluss an die Frage nach einem deutschen Fahrer muss ich als Österreicher fragen, wann ein Österreicher Formel E fahren wird. War Lucas Auer jemals ein Thema?
Lucas war DTM-Fahrer bei Mercedes und auch Teil des HWA-Teams. Wir haben uns dann alle Fahrer angeschaut, also war sein Name auch auf der Liste wie auch viele andere. Schauen wir mal. ob es einen anderen österreichischen Fahrer gibt, der Interesse an der Formel E hat. Ich bin gespannt, ob wir jemanden aus Österreich dazuholen können. Wir haben irgendwann mal über ein Rennen in Graz oder Wien gesprochen. Ich war auch drei Jahre lang ab und zu in Österreich, und ich finde, es wäre ein Super-Standort für ein Formel-E-Rennen.

Anmerkung: Die Formel E geht am 15. Februar in Mexiko weiter, am 29. Februar gastieren die Asse in Marrakesch. Da das Rennen in China abgesagt wurde, geht es dann im April weiter – wenn in Rom das erste der voestalpine European Races am Programm steht.

Lewis Hamilton hat in den vergangenen Monaten immer wieder große Sympathien für die Formel E gezeigt.Lewis Hamilton hat in den vergangenen Monaten immer wieder große Sympathien für die Formel E gezeigt.
Das ist die Karriere von Ian James:
2001-2005: Manufacturing Engineer bei McLaren Automotive Ltd.



2005-2008: Project Lead, Production Planning bei der Daimler-Chrysler AG


2008 -2011: Manager, Finance and Controlling bei Plant Tuscaloosa, Alabama (DAG)


2011-2015: Head of Programme Management, Mercedes-AMG High Performance Powertrains, UK


2015-2018: Senior Manager, Marketing/Communications und Governmental Business, Mercedes-Benz G-Class


Seit 2019: Managing Director, Mercedes-Benz Formula E Ltd. & Team Principal Mercedes-Benz EQ Formula E Team

Das ist der Mensch Ian James:
Geboren am: 10. November 1977 in High Wycombe, UK




Studium: Bachelor of Engineering, Coventry University (UK)


Familienstatus: Verheiratet mit Claire, zwei Kinder: Cameron (10) and Chloe (8)


Wohnort: Marlow (UK)





Stoffel Vandoorne (Nummer 5) war gleich beim Auftakt in Riad am Podium – als Dritter.Stoffel Vandoorne (Nummer 5) war gleich beim Auftakt in Riad am Podium – als Dritter.
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