
GERALD ENZINGER ÜBER ALEX ZANARDI
Grazie, Alex Zanardi, Legende der Leidenschaft
Er liebte das Lachen, und man hörte es am besten, wenn er gerade einen schmutzigen Witz erzählt hat. Er sah einem an, wenn er erzählte. An guten Tagen strahlten seine Augen wie Scheinwerfer in der Dunkelheit.
Alessandro Zanardi, den seit seiner Zeit in Amerika fast alle nur mehr "Alex" nannten, ist tot - gestorben im Alter von knapp 60 Jahren, im Kreise seiner Familie. Im Moment unerwartet, aber seit Jahren befürchter. In einer Stunde, als die Formel 1 gerade in Amerika unterwegs war – dort wo er die größten Triumphe seiner ersten Karriere gefeiert hatte.
Sein Leben war voller Leidenschaft – und voller Leiden. Seine Höhen und Tiefen extremer als in irgendeiner anderen Sportkarriere.
Aufgewachsen in der Region Bologna, in der selben Gegend wie der aktuelle Formel-1-Shooting-Star Kimi Antonelli. Ohne finanziellen Background mühte er sich durch die Ebenen der italienischen Kart-Meisterschaften mit unglaublichem Talent und voller Passion bis hoch in die Formel 1, die ihm nie Glück bringen sollte. Beim ersten Versuch crashte er in Spa 1993 so schwer, dass man die Nachrufe beinahe schon 33 Jahre vor dem heutigen Tag schreiben hätte müssen.
Wie die italienischen Auswanderer Dekaden davor versuchte er nun sein Glück in Amerika – und wurde dort zum Superstar: Zwei Mal gewann er die Champcar-Meisterschaft. Sein damaliger Teamchef Chip Ganassi erinnert sich zur Stunde an "den ungewöhnlichsten und beeindruckendsten Menschen, der je meinen Weg gekreuzt hat."
Ein Mensch, der in Amerika binnen einer Sekunde zum Mythos geworden war: Am 8. September 1996 überholte er in Laguna Seca in der letzten Runde Bryan Herta (den Vater von Colton) in der legendären Corkscrew-Passage – und das in seinem ersten Jahr in den USA auf einer ihm bis dahin unbekannten Rennstrecke.
Den Angriff hatte er rundenlang geplant, er brauchte aber eine Programmänderung. "Ich wollte mein Auto innen reinrollen lassen, um ihn zu überholen", erzählte uns Zanardi einmal. Nur war er viel zu spät auf der Bremse und schoß über den Einlenkpunkt. "Ich rief: 'Oh shit!'", lacht er.
Erst viel zu spät kann Alex einlenken, nutzt eine zufällig asphaltierte Auslaufzone und verfehlt einen Reifenstapel nur um Zentimeter. Er rutscht voll auf die Strecke zurück. Beim Rausbeschleunigen macht Herta einen taktischen Fehler: Statt außen herum an Alex vorbeizufahren, versucht er, nach innen zu kreuzen. Dadurch ist der Winkel beim Beschleunigen kleiner, die Hinterreifen können nicht genug Traktion aufbauen. Er fürchtete, Zanardi würde über die komplette Streckenbreite nach links hinaus kommen. Zanardi tritt ebenfalls aufs Gas und ist vorbei.
Diese Aktion gilt heute als "The Pass", als das vielleicht beste Überholmanöver aller Zeiten. Keine Debatte über Track-Limits im Motorsport, in der nicht die Wörter Zanardi und Corks Crew fallen.
Das Überholmanöver war der Beginn seiner Rückkehr in die Formel 1 und einer zweiten Chance, bei Willliams. Doch auch diesmal wurde die Königsklasse zum Desaster für den hochtalentierten Italiener, der mit seiner robusten Art des Redens und mit seiner Offenheit nie so recht in die klinisch saubere Formel1 zu passen schien.
Er machte 199 als Teamkollege von Ralf Schumacher bei Williams keinen (einzigen!) Punkt, am Ende seiner Grand-Prix-Laufbahn führt die Statistik eine bizarre Bilanz für diesen Super-Racer aus: 41 Grand Prix, ein einziger Punkt, erobert 1993.
Zanardi wurde bei Williams durch Jenson Button ersetzt, er pausierte (bei vollen Bezügen) und heuerte, moralisch gebrochen, wieder in Amerika an.
Und erlebte die Urkatastrophe seines Lebens – vier Tage nach 9/11, am 15. September 2001, am Lausitzring.
Nach dem Boxenstopp dürfte er die Kälte seiner Reifen unterschätzt haben, er kam bei der Ausfahrt aus der Boxenstraße ins Trudeln, drehte sich, stand quer im Oval – und wurde vom gerade heranrasenden Alex Tagliani mit 320 km/h getroffen.
Er musste wegen des hohen Blutverlustes siebenmal wiederbelebt werden. Als er ins Krankenhaus in Berlin eingeliefert wurde, soll sich in seinem Körper nur noch ein Liter Blut befunden haben.
Ich war bei der zeitgleich stattfindenden Formel 1 in Monza, wo längst das Gerücht die Runde machte, dass Alex tot sei. Wieder einmal wurde sein Nachruf vorbereitet.
Doch es ereignete sich wieder einmal ein Wunder: er überlebte! Allerdings mussten ihm beide Beine oberhalb der Knie amputiert werden. Wobei, um es drastisch auszudrücken, eigentlich nicht mehr viel chirurgisch amputiert werden musste.
Vier Jahre verschwand Zanardi aus der Öffentlichkeit, arbeitete an seiner Reha. Und kam 2005 zurück – als Rennfahrer, mit einem adaptierten Werks-BMW.
Die meisten dachten an einen PR-Gag, doch Zanardi bewies es allen: Jahrelang war er einer der Top-Piloten der Tourenwagen-Weltmeisterschaft, Podien und Siege inklusive. Atemberaubend.
Und so nebenbei fuhr er 2007 den New York Marathon mit seinem Handbike.
Seine Motorsport-Karriere pausierte er dann nach 2009 erneut – aber diesmal freiwillig. Zanardi wollte sich auf die Paralympics im Rahmen der Spiele in London 2012 vorbereiten – auch im Wissen, dass die Handbike-Bewerbe ausgerechnet auf der legendären Rennstrecke in Brands Hatch stattfinden würde.
Und Alex begeisterte die Welt: mit Gold in Serie. Und vor allem auf einer Rennstrecke, was für ein wunderbarer Zufall des Schicksals.
Mit dem Handbike konnte er zahlreiche Titel erobern, darunter in Summe viermal Gold bei den Paralympics in London 2012 und Rio 2016.
2012 wurde er von der „Gazzetta dello Sport“ zu „Italiens Sportler des Jahres“ gewählt. 2014 und 2015 nahm er zudem mit dem Handbike am Ironman auf Hawaii teil.
Alex schrieb ein Bestseller-Buch über sein Leben und seinen Kampfgeist. Millionen Menschen in aller Welt lasen sich ins eine Welt ein und kamen dank ihm aus den Tiefen ihrer eigenen Welt: er zeigte, dass es keinen noch so tiefen Punkt im Leben zu geben scheint, aus dem es nicht einen Ausweg gibt. So lange man genug eigenen Antrieb entwickeln kann.
Als Gaststarter sahen wir ihn dann wieder im Rennauto, bei der DTM 2018 in Misano wurde der sensationeller Fünfter – und ich erinnere mich heute, dass er im Zuge einer kleinen Interviewrunde in der BMW-Hospitality aus seinem eigenen Buch zitierte:
"Der stärkste Motor, den du hast – das ist deine eigene Passion. Sie ist es, die dich immer wieder aufs neue weiterbringt. Und das bedeutet: mein stärkster Gegner wird immer Alex Zanardi sein. Ihn muss ich Tag für Tag, Morgen für Morgen als erstes besiegen. Wenn es mir dann auch noch gelingt, andere Gegner zu schlagen, ist das nur mehr eine Draufgabe, aber dann ist es umso schöner."
Wir alle lasen sein Buch, hörten seine Worte – und wir waren glücklich über sein Happy End.
Doch wir täuschten uns – jenseits aller Vorstellungskraft, kam alles noch schlimmer.
Im Juni 2020, die Lockdown-Maßnahmen in Italien waren eben gelockert worden, kam die nächste und allergrößte Katastrophe über ihn.
Während eines Charity-Rennens in Siena wurde er mit dem Handbike von einem Lastwagen erfasst. Auf die schrecklichste aller möglichen Arten – der Kopf traf genau die Unterseite des Lkw.
Man hörte danach kaum noch von ihm – Gerüchte über schwerste Kopfverletzungen und zerstörte Augen machten die Runde und sorgten für Betroffenheit.
Erst im Dezember 2021, eineinhalb Jahre später, konnte er das Krankenhaus wieder verlassen. Seine Frau erzählte davon, dass er in der ganzen Zeit kein einziges Gesicht eines Menschen erlebt hätte, da alle Pfleger und Besucher Masken tragen hatten müssen.
Und immer noch hatte das Schicksal keine Gnade: nach wenigen Monaten im eigenen Haus, brach dort ein Brand aus – und Zanardi musste erneut ins Krankenhaus, wieder für längere Zeit.
Danach wurde es still um ihn und viele, die in seinem Buch blätterten oder seine Videos sahen oder alte interviews abhörten, dachten voller Sorge und Wehmut an ihn.
Nun kam die Meldung zu seinem Tod, er starb an einem 1. Mai – wie Ayrton Senna und in der selben Gegend.
Aber die Legende seiner Leidenschaft und seines Willens, sich den unerbittlichen Schlägen des Schicksals zu stellen und weiterzumachen, wird noch Generationen von Menschen bewegen und dazu bewegen, sich zu bewegen, aus der Statik und Apathie auszubrechen.
Grazie Alessandro.
Du hast der Welt nicht nur gezeigt, wie das perfekte Überholmanöver gelingt – sondern wie man aus jeder Situation wieder zurückfindet. Oder sagen wir leider: aus fast jeder.
Alex Zanardi (1966 - 2026)
Bei seinen Teams war Alex Zanardi beliebt: Hier mit dem späteren Porsche-Motorsportchef Fritz Enzinger, der mit ihm bei BMW arbeitete.
Zanardi als Gaststarter bei der DTM 2018.

Zanardi im BMW.
Weltmeister: Alex Zanardi
Alex Zanardi (1966 - 2026).





