
GERALD ENZINGER ÜBER STELLANTIS
Rallye & Racing bei Stellantis
Von manchen Zeitungen ignoriert, von vielen TV-Sendern – gottlob nicht den österreichischen – zum Tabu degradiert, als letzter Bote einer untergegangenen Welt diskreditiert.
Doch die Zukunft von einst ist die Gegenwart von heute und die zeigt ein unmißverständliches Bild. Motorsport ist wieder extrem populär – ob auf der Nordschleife, in der DTM, bei der Formel E, der Rallye, gerade auch in Österreich, oder der Formel 1, die allen Negativ-Stimmen zum Trotz etwa in Spielberg tolle Vorverkaufszahlen meldet.
Kein Wunder, dass nach der großen Exit-Bewegung rund um die Finanzkrise und rund um die vergangene Jahrzehnte-Wende nun wieder nahezu alle Marken in den Motorsport drängen. Kaum ein Autokonzern kann es sich leisten, auf den Motorsport zu verzichten: er lädt Emotionen auf, ist gut sichtbar und erlaubt gerade im Zeitalter des technologischen Umbruchs und der Innovationen einen großartigen Wissens-Transfer zwischen Strecke und Straße.
Zu den Konzernen mit einem besonders glaubwürdigen Motorsport-Geist zählt Stellantis – zwar ein relativ neues Imperium, aber eines das auf vielen der größten Renn-Marken der Welt basiert. Als Stellantis zu einem Ganzen verschmolz, da loderte dabei das Feuer legendärer Racer, die die Geschichte des Sports zum Teil seit länger als einem Jahrhundert prägen: Alfa Romeo. Citroen. Peugeot. Lancia. Fiat. Opel. Maserati. Abarth. Chrysler.
Jede einzelne davon hat ihren Fixplatz in der Startaufstellung für die Ewigkeit, als Legende des Motorsports.
Gut und schön und richtig, dass Olivier Jansonnie das genau so sieht. Denn der fast neue Leiter von Stellantis Motorsport – er ist seit November im Amt – ist ein Vollblutracer. Olivier Jansonnie ist Absolvent der französischen Ingenieurschule Centrale-Supélec. Er verfügt über mehr als 25 Jahre internationale Erfahrung im Motorsport und führte technische Teams in verschiedenen Kategorien wie LMP1, Hypercar, DTM, WRC, WRX und Cross-Country.
Jansonnie begann seine Karriere 1998 bei Peugeot Sport und wechselte 2003 zu Mitsubishi, wo er die Entwicklung des Lancer WRC leitete. Anschließend wirkte er als freiberuflicher Mitarbeiter an vielen WRC- und Endurance-Programmen für Peugeot mit, darunter dem Sieg in Le Mans 2009 mit Alexander Wurz mit. 2012 wurde er Leiter der Fahrzeugentwicklung bei BMW und leitete das Designbüro, die Entwicklung der Aerodynamik und die Qualitätstechnik für alle Motorsportaktivitäten der BMW Group. 2016 kehrte er als Technischer Direktor und Automotive Project Director zu Peugeot Sport zurück und leitete das technische Team für Peugeot Sport-Programme: Cross-Country (Dakar), WRX und e-WRX. Seit 2020 leitet er das Endurance-Programm von Stellantis Motorsport und ist Teamchef des Peugeot Total Energies Teams. Nun aber ist er für alle Rallye- und Racing-Aktivitäten des Konzerns federführend.
In der Formel E ist DS die erfolgreichste Marke historisch und Citroen ein erfolgreicher Neueinsteiger. Bald kommt Opel dazu.
Olivier Jansonnie – der Chef von Stellantis Motorsport hat die Passion eines echten Racers. Der Motorsport taugt sowohl für die Markenbildung als auch für die Marken-Bildung, denn im Sport lernt man verdichtet und unter Druck.Für neutral-distanzierte Leser mag das etwas pathetisch wirken, doch der Pathos ist Bestandteil aller Legenden der Leidenschaft. Und Jansonnie ist glaubwürdig, dass er das, was er sagt, auch fühlt.
Die Homebase aller Stellantis-Motorsportaktivitäten und zugleich das Herz und Hirn ist in Frankreich – in Satory im Süden des so geschichtsträchtigen Ortes Versailles. Hier in diesem Stadtteil ist quasi das Cockpit von Stellantis – von hier aus werden alle Einsätze gesteuert.
Jansonnie erzählt in Gesprächen mit Motorprofis.at gerne von der engen Kooperation in der Weiterentwicklung: „Als wir mit Peugeot in die WEC gegangen ist und uns dabei völlig neu aufstellen mussten, da konnten wir uns auf das Wissen unseres Formel-E-Teams von DS verlassen, jetzt wiederum fließt das Know How gleichwertig zwischen unserem Langstrecken-Projekt und unseren Formel-E-Teams.“ Zumal die Formel E immer komplexer wird in der neuen Generation, man – trotz der Einheitsteile – immer mehr über das ganze Auto und dessen Wechselwirkungen nachdenken muss, etwas das in einem WEC-Auto schon immer Standard war.
In einem Gebäude, das einst die Heimat von Citroen Motorsport war – man denke hier an die Serien-WM-Titel von Sebastien Loeb und die WTCC-Erfolge – werken nun verschiedene Teams Tür an Tür, im wahrsten Sinn des Wortes. Das Peugeot-WEC-Team, das zuletzt in Spa Pole Position hatte und so überreif für den ersten Sieg ist, vielleicht ja beim Saisonhöhepunkt in Le Mans. Dann das Formel-E-Team von Citroen Racing, das im nächsten Jahr mit Opel ein weiteres echten Stellantis Werksteam als Partner und Rivale zur Seite haben wird. Und das Lancia Rallye-Projekt, in dem Lancia die Einsteigerklassen der WRC ausrüstet und so seine atemberaubende Rallye-Tradition wiederbelebt.
Es ist, ähnlich wie bei den japanischen Marken, üblich, dass bei Stellantis ein reger Mitarbeiter-Austausch zwischen Motorsport- und Serienentwicklung stattfindet. So können die involvierten Mitarbeiter Verständnis für das jeweilige andere Department ebenso entwickeln wie sie diesem Wissen weitergeben können.
Eine Aufstellung, in der so nebenbei ganz viele Marken mit großer Motorsport-Tradition wie Citroen, Peugeot, Lancia oder Opel auf moderne Art wieder Verbindung zu ihren Wurzeln bekommen.
So funktioniert Motorsport der Zukunft – man schafft eine Welt, in der zwei Kulturen bestens miteinander leben und arbeiten können – nämlich SINN und SINNLICHKEIT.
In der WEC stand Peugeot zuletzt auf Pole, um im Rennen Pech zu haben. Gelingt der lange erhoffte Sieg nun vielleicht ausgerechnet in Le Mans?
Nick Cassidy bei seinem ersten Sieg für Citroen in der Formel E...
...und Nick Cassidy in den Farben von Peugeot in der WEC.
Opel, hier Testfahrerin Sophia Flörsch, will Stellantis in der Formel E vertreten und zugleich die eigene Sport-Geschichte weiterschreiben.
DS Penske ist die erfolgreichste Marke der Formel E. Mit dieser Saison hört man auf, intern wird Opel zum indirekten Nachfolger.
Stars wie Jean-Eric Vergne sagen offen: Stellantis bietet den großen Vorteil, dass man als Fahrer wegen der vielen verschiedenen Serien und Marken mehrere Projekt zugleich machen kann. Davon würden alle profitieren.
Jean-Eric Vergne, Citroen Racing.
Millionen Fans in aller Welt freuen sich, dass Lancia wieder Teil der Rallye-Weltmeisterschaft ist.





