Fiat-Chefs Belloni/Thorel/Clerc im Interview
„Unser Erbe ist das Rezept gegen die Konkurrenz aus China“
Belloni: Ich war fünfeinhalb Jahre lang Marketingverantwortlicher von Citroën. Ich habe Jean-Pierre Ploué (der Vorgänger von Gilles Vidal als europäischer Stellantis-Designchef; Anm. d. Red.) gebeten, den 2CV zu machen, er antwortete mir, das sei aus vielen Gründen unmöglich. Aber zu dieser Zeit gab es keine Elektroplattform. Mit Elektroautos ist jetzt alles möglich. Ich bin also sehr stolz auf Citroën. Und ich mache ja das Marketing für alle Marken bei Stellantis, einschließlich Citroën – also auch die orangefarbene Kampagne für den 2CV. Ich habe in meiner Zeit bei Renault die gelbe Kampagne für den Renault 5 gemacht und im Jahr 2008 auch die Kampagne für den Fiat 500.
Das ist also das Rezept. Das ist der einzige Weg, um sich gegen die chinesische Konkurrenz zu behaupten. Sie können uns kopieren, aber sie können uns unser Erbe nicht nehmen. Aber die eigentliche Frage lautet: Ist das genug? Ich denke, dass es zumindest sehr nützlich ist. Das gilt für jede Karosserieform. Der Trend wird sogar bei den Nutzfahrzeugen einziehen.
Das ist ein enormer Wettbewerbsvorteil, ich nenne es Soft Power. Ich habe dieses Wort nicht erfunden, es kommt von den Briten. Die Briten haben die Soft Power erfunden: James Bond, die Queen, den Union Jack, Aston Martin, die Corgis, Barbour. Das ist Großbritannien. Das ist Soft Power. Retro-Design oder die Nutzung des Erbes spricht das Herz an. Es ist eine emotionale Abkürzung und funktioniert sehr gut. Natürlich muss das Produkt perfekt sein, ein gutes Design haben, eine großartige Technologie. Und man muss dem Original treu bleiben, sonst betrügt man das Original. Wenn das gelingt ist es eine Waffe, die sehr effizient ist.
Wir nutzen das Erbe immer noch bei Fiat. Wenn wir den Multipla machen, das kleine Van-Konzept, das Sie gesehen haben und dass es vielleicht bald geben wird, sehen Sie, dass es ganz klar vom 600 Multipla inspiriert ist. Das ist wichtig. Und wenn man den Grande Panda sieht, er ist stark vom Panda inspiriert.
Aber ist das genug? Nein, denn man muss manchmal auch etwas erfinden. Der Topolino ist eine Erfindung. Er basiert auf der Citroën-Ami-Plattform, aber er ist eine Erfindung. Er ist eine Ode an das Retro-Design, aber eine Erfindung. Das heißt, er hat eigentlich nichts mit dem Topolino zu tun.
Also, ja, das Retro-Design und die Nutzung des Erbes sind ein Vorteil. Retro muss sich treu sein und es muss Mehrwert bringen. Dann ist es eine Waffe gegen die Konkurrenz aus China.
Fiat-CEO Arnaud Belloni: „Retrodesign und die Nutzung des eigenen Erbes ist der einzigen Weg, um sich gegen die chinesische Konkurrenz zu behaupten."Könnte aus der Multiplay-Studie eine Rückkehr in das Van-Segment mit einem neuen Fiat Multipla werden?
Belloni: Wenn man sich die Trends in der Automobilbranche anschaut, sieht man drei Generationen von Autos: Wir hatten vor langer Zeit die Limousinen. Dann hatten wir die Vans und schließlich die SUVs.
Ich selbst bin im Jahr 2007 Vater geworden. Zu der Zeit arbeitete ich bei Lancia und fuhr einen Phedra mit 170 PS. Ein fantastisches Auto. Es war fantastisch, weil es für meine Zwillinge und das ganze Gepäck und die Familie perfekt war. Und es war ein gutes Langstreckenfahrzeug. Danach kam das SUV. Ich war beruflich einige Jahre in Shanghai, und als ich zurückkam, war es unmöglich, ein Auto zu finden, das innen wirklich viel Platz hatte. Man hatte Status, man hatte ein großes Auto, aber man hatte weniger Volumen und Flexibilität. Oder man hatte viele Sitze, aber keinen Kofferraum dazu. Jeder ist ein bisschen frustriert darüber, aber gleichzeitig ist jeder süchtig nach SUVs.
Was sich seitdem verändert hat, ist die Elektromobilität. Elektrische Plattformen sind unglaublich raumoptimiert. Dazu kommt die Verkleinerung der Klimaanlage, des Getriebes und mit Steer-by-wir künftig auch der Lenkung, oder das Verschwinden der Handbremse. Man fängt also an, eine Menge Platz zu haben. Damit kann man den Minivan, das Monospace-Fahrzeug, neu erfinden – basierend auf einer SUV-Plattform, voll elektrisch, unter 4,5 Metern. Man hat die Möglichkeit, zu einem Van auf SUV-Basis zurückzukehren.
Und wenn man sich dann die Geschichte von Fiat anschaut, könnte es interessant sein, einen 2+2+2-Sitzer zu haben. Und dieses Auto sollte einen Namen wie Multipla haben. Wie nennen die Studie Multiplay, weil es ein Konzeptfahrzeug ist – ein Van, SUV und Pickup in einem. Es geht dabei nicht so sehr um das Design, sondern um das Konzept. Wenn wir grünes Licht bekommen, was wir noch nicht wissen, können wir anfangen, am Design und all den Details zu arbeiten.
Fiat-Europachef Gaetano Thorel: „Fiat wird mit einem kleinen Fahrzeug auf der e-Car-Plattform kommen, und es wird eine Überraschung sein."Guillaume Clerc: Wir entwickeln die e-Car-Plattform, um wettbewerbsfähig zu sein, die Erschwinglichkeit für die Kunden ist der Schlüssel. Herauskommen soll ein vollwertiges Auto zu einem günstigen Preis, daran arbeiten wir. Wir werden also in ein paar Jahren bereit sein, in der Welt des elektrischen A-Segments zu konkurrieren.
Gaetano Thorel: Wenn man über das e-Car spricht, ist man im Bereich der urbanen Mobilität. Fiat ist die Marke der urbanen Mobilität. Wenn man alle europäischen Autos von 2,5 bis 4 Meter zusammenzählt, ist Fiat die Nummer eins in Europa. Das ist unser Territorium, also wird das e-Car in dieser Größenregion liegen, zwischen 2,5 und 4 Metern. Fiat wird in diesem Segment wieder eine Schlüsselrolle spielen.
Das Timing ist nicht entscheidend. Bei den städtischen Transportmitteln haben wir den Topolino, den Pandina, den Grande Panda und den Cinquecento – also ich denke, wir haben genug, um für einige Zeit zu bestehen. Und dann wird Fiat mit einem e-Car kommen, und es wird eine Überraschung sein.“
Wie sehen die Pläne für den Cinquecento aus – in Bezug auf neue Motoroptionen und auch die nächste Generation?
Guillaume Clerc: Der Cinquecento ist nun mit zwei Arten von Antrieben erhältlich– rein elektrisch und seit 2025 auch mit einem Mild-Hybrid, der ziemlich gut läuft. Wir werden das Antriebsangebot nicht weiter ausbauen. Mit den Sondereditionen werden wir weitermachen, Fiat ist stark darin, Partnerschaften einzugehen und Trend-Modelle zu entwerfen. Die Kunden warten darauf. Und wir werden in den nächsten Jahren mit einigen Überraschungen aufwarten.
Was die nächste Generation betrifft: Wir wissen, was wir tun wollen. Wir haben also bereits einige Skizzen. Hier kann ich nicht mehr sagen, aber es wird mit Sicherheit ein Cinquecento sein. Wir werden die Ikone von Fiat nicht revolutionieren. Und wir haben mit dem Designchef immer gesagt, dass es vielleicht die schwierigste Aufgabe von allen ist. Es ist wie beim Porsche 911.
Arnaud Belloni: Der 500 ist der 911 von Fiat.
Guillaume Clerc: Wenn man es wieder neu machen will, müssen es leichte Modifikationen sein, immer Modernität bringend, immer etwas Frisches und Neues bringend, aber wir müssen absolut das respektieren, was die Ikone ausmacht. Wir arbeiten daran – aber es ist noch nicht für morgen.
Bei Fiat übernimmt Arnaud Belloni (links.) als neuer CEO vom dem langjährigen Markenchef Olivier François (rechts), der in eine beratende Rolle wechselt.







