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GERALD ENZINGER ÜBER WALTER RÖHRL

GERALD ENZINGER ÜBER WALTER RÖHRL

Röhrl bei KTM: Meine Fahrten mit Walter

Walter Röhrl ist 75 Jahre jung. Und ist Samstag zu Gast in der KTM-Motohall – ab 17 Uhr. Für mich und viele andere ist er, Pardon Monsoeur Loeb, der größte Rallyefahrer aller Zeiten. Wobei ich nicht ganz objektiv bin: Immerhin durfte ich gleich zwei Mal der Co-Pilot eines Genies sein. Annäherungen an ein Phänomen.


Der zweifache Rallye-Weltmeister und Porsche-Repräsentant Walter Röhrl ist Samstag zum ersten Mal zu Gast in der KTM Motohall in Mattighofen. Beim Legenden-Talk am 14. Mai ab 17:00 Uhr erfahren Histo-Liebhaber erstklassige Rennfahrergeschichten hautnah. 
Bei der anschließenden Autogrammstunde dürfen Kinder wie Eltern ein besonderes Andenken ihres persönlichen Helden mit nach Hause nehmen. Motorsportfans verfolgen den Rennsonntag ab 10:00 Uhr mit den Live-Übertragungen der MotoGPTM aus Le Mans und MXGP aus Sardinien auf der großen Leinwand in der RC16 Arena der KTM Motohall. 

Daher wiederholen wir aus gegebenem Anlass diesen Kommentar, der kürzlich zum 75. Geburtstag von Walter erschienen ist.




Mein Gott, Walter!


Walter Röhrl hat nur zwei Mal die Rallye-Weltmeisterschaft gewonnen – 1980 im FIAT und 1982 im Opel.
Trotzdem gilt er für viele als der größte Rallyefahrer aller Zeiten – und das bei allem Respekt vor den Leistungen von Sebastien Loeb, Sebastien Ogier oder Juha Kankkunen.

Walter Röhrl wurde von Karajan und Niki Lauda bewundert, und von Sebastian Vettel wird er geradezu vergöttert. Nicht zuletzt aufgrund, der grandiosen Filme, die der Österreicher Helmut Deimel von Röhrl gemacht hat – auf der Rallye, beim Pikes Peak, in der IMSA-Serie. Dabei bestritt Röhrl seine letzte Rallye genau eine Woche vor Vettels Geburt.

Umso mehr weiß ich es zu schätzen, gleich zwei Mal an der Seite von Walter Platz genommen zu haben. Am Tag vor Weihnachten 2011, als ich ihn für eine Sportmagazin-Story stundenlang daheim in Saalbach-Hinterglemm besuchen durfte, ehe wir dann für das Foto-Shooting noch mit dem Porsche durchs Salzburger Land fuhren.

Und 2015, als ich bei der Ennstal Classic (Bild oben) sein Co-Pilot war und wir mehrere Tage durchs Paradies fuhren. Mit ihm gemeinsam (!) in einer offiziellen Ergebnisliste zu stehen (im Porsche 356) ist eine Erinnerung für die Ewigkeit, die für Röhrl schlechte Platzierung (176) tut nichts zur Sache. Denn Gleichmäßigkeitsbewerbe sind seine Sache nicht, er gibt lieber Gas. Bei der Sonderprüfung am Red Bull Ring konnten wir das auch im geschützten Bereich, und just als wir losfuhren, da begann es in Strömen zu regnen.

Wir haben in den vier Runden 40 andere Autos überholt, Walter hatte seine Gaude.

Mensch denkt, Gott lenkt? Dem Rallye-Gott beim Lenken zuzusehen, erinnert ein bisschen daran, dem echten Gott (so es ihn gibt) bei der Erschaffung der Welt zu beobachten. Verblüffend mit welcher Natürlichkeit und mit welcher Reduktion auf das Wesentliche er das tut. Der Meister ist sparsam in seinen Bewegungen, das Lenkrad steht still. "Das Geheimnis des Autofahrens besteht darin, wenig zu lenken. Und ich berühre das Lenkrad nur mit den Fingerkuppen. Dann sind wir eins und spüren uns."
Unser Porsche, mit dem wir an diesem Tag durch den Schnee von Hinterglemm glühen, hat 550 PS, und er gehorcht Walter aufs Wort. Für die Fotografin fährt Walter eine Art Rundkurs, er trifft den vereinbarten Fotopunkt zehn Mal hintereinander auf den Millimeter und im auf den Grad genau passenden Winkel.

Walter hat viele Geschichten geschrieben: Portugal, März, 1980. 20 Fahrer mit Siegchancen und ähnlich starken Autos. Ein Servicewagen kommt gegen die Fahrtrichtung und beschädigt Walters Auto. Der ist auf 500 vor der nächsten Sonderprüfung, zugleich ist dichter Nebel. Keine Chance zu attackieren, null Sicht.
Okay, das meint man. Denn Walter ist diese Etappe schon am Abend davor im Kopf im Bad abgefahren, die Zeit weicht nur zehn Sekunden von seiner realen ab, nun im Nebel statt im Kopf. Sie beträgt 35:14 Minuten.
Erzfeind Alen braucht 39:54 Minuten, ist fast fünf Minuten langsamer: gleiches Auto, gleiche Reifen. Walter, nie von der PR-Abteilung gezähmt, sagt nur einen Satz: "Wenn mich einer so abhängt, würd` ich mich umbringen."

Dies ist die berühmteste Geschichte im Mythos-Universum-Röhrl, aber nur eine von vielen. Die Monte gewinnt er mit vier verschiedenen Autos, als erster Mensch. In Finnland gewinnt er nie – weil er dort aus Prinzip nicht führt: "Deppere Hüpferei!" Als die Finnen ihn deshalb auslachen, brennt er deren Start Hannu Mikkola bei einer ähnlich aussehenden Prüfung in Neuseeland mehrere Minuten auf. Einfach so aus Prinzip. Mikkola gratuliert fair, sagt: "Wir können froh sein, dass du nie zu uns kommst."

Aber das ist nur die eine Seite von Walter Röhrl.
Es gibt da auch eine andere. Die Nächte, in denen er nicht schlafen kann – weshalb er im Winter meist schon im Dunkeln auf die Tourenski steigt.
Die schlimmen Erinnerungen an die Kindheit, von denen er mir erzählt: "Ich schämte mich wegen meiner roten Haare, wurde von allen in der Schule nur gehänselt. Dann habe ich sie verdroschen und sie haben mich wieder ausgelacht."
Der berührendste Moment: "Schon als Kind wusste ich: ich werde nie Kinder haben. Ich wollte nicht, dass sie auch rote Haare haben und das auch mitmachen müssen."

Hoffentlich ein Trauma aus vergangenen Zeiten.

Wen Walter redet, wirkt er wie die Ruhe selbst, die sich in einem 196 Zentimeter großen Riesen eingenistet hat. Dabei ist er auch voller Zorn. Etwa in den 1980er-Jahren, als Fans zu Zehntausenden immer näher an die rasenden Rallye-Boliden kamen, eine Katastrophe immer in der Luft war. Wie sehr die Fahrer das belastet hat, was damals ein Tabu-Thema war, erzählt er mir bei der gemütlichen Fahrt durch das Ennstal: "Manche sind so lange in der Kurve gestanden – da dachtest du in der nächsten Sonderprüfung echt: wenn das Arschloch jetzt noch einmal dasteht, dann fahre ich nieder."

Gott sein Dank hat er das nie gemacht, und so wenige Unfälle wie kaum jemand produziert.
Später ist er IMSA gefahren, oder Pikes Peak und am Nürburgring hat er bei einem Showfahrt in einem Straßen-Ferrari mal einen anderen Straßen-Ferrari überholt, weil er schneller war. "Erst dann schau ich rüber, und sehe: es ist der Michael Schumacher."

Ein einzigartiger Typ mit Ecken und Kanten, aber mit einem runden Fahrstil.

Alles Gute, Walter!
Gerald Enzinger und Walter Röhrl als Teamkollegen im Team Porsche bei der Ennstal Classic –  ganz oben am Sölkpass, hier beim Stopp in Steyr.Gerald Enzinger und Walter Röhrl als Teamkollegen im Team Porsche bei der Ennstal Classic – ganz oben am Sölkpass, hier beim Stopp in Steyr.
Dokument für die Ewigkeit, aber wohl nur für einen der Beteiligten: Die Ergebnisliste der Ennstal Classic 2015 mit Walter Röhrl und Gerald Enzinger als Team im Porsche 356 mit der Startnummer 106.Dokument für die Ewigkeit, aber wohl nur für einen der Beteiligten: Die Ergebnisliste der Ennstal Classic 2015 mit Walter Röhrl und Gerald Enzinger als Team im Porsche 356 mit der Startnummer 106.
Ergebnis eines gemeinsamen Tages in Hinterglemm 2011: Gerald Enzingers Sportmagazin-Story über Walter Röhrl.Ergebnis eines gemeinsamen Tages in Hinterglemm 2011: Gerald Enzingers Sportmagazin-Story über Walter Röhrl.
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