loading...

CITROEN-ASS CASSIDY IM INTERVIEW

CITROEN-ASS CASSIDY IM INTERVIEW

Citroens Mann für alle Fälle

Nick Cassidy ist einer großen Universalkünstler des Rennsports – erfolgreich in der WEC, der DTM, in japanischen Rennserien – und vor allem in der Formel E, wo er im ersten Rennen von und für Citroen sensationell gleich auf das Podium raste. motorprofis.at traf sich mit dem Neuseeländer in Paris zum Interview. Lucas Auer, die Chancen von Kalle Rovanperä, der Sinn der Formel E, seine Passion für Technik und die aufregende Welt von Citroen sind einige der spannenden Themen.

Für den Neuseeländer Nick Cassidy läuft es gut. Bei seinem ersten Rennen für das neugegründete Formel-E-Team von Citroen Racng wurde er in Brasilien auf Anhieb Dritter. Und danach wählte ihn die englische Fachbibel "Autosport" zum weltweit 17.-besten Rennfahrer der Welt. Zur Orientierung: Kimi Antonelli ist 18., Kalle Rovanperä auf Platz 30, Carlos Sainz jr. auf Rang 38 und Lewis Hamilton findet man an der 47. Stelle der Bestenliste.

motorprofis.at traf Nick Cassidy in Paris zum Interview.

Man sagt immer: der erste Eindruck ist der Wichtigste. Wie war der Moment, als Du zum ersten Mal deinen neuen Citroen gesehen hast?
Intensiv und schön – denn mir hat die Farbgestaltung und die ganze Livery auf dem ersten Blick gefallen. Der lange Weg hat sich ausgezahlt, und damit meine ich nicht nur meine Karriere, sondern auch den Stau in Paris, den ich auf der Anfahrt meistens erlebe. (lacht)


Du warst bei Jaguar schon eine Institution. Warum hast Du dich in dieser Phase deiner Karriere für den Wechsel entschieden? Hattest Du einfach Lust auf was Neues?
Auf alle Fälle. Ich fühle mich jetzt am Höhepunkt meiner Karriere, in der besten Zeit meiner Leistungsfähigkeit. Da habe ich etwas Frisches gesucht, etwas mit dem ich mich auf die Zukunft freuen konnte. Im nächsten Jahr kommt die Generation 4 der Formel-E-Autos, da ist es jetzt ideal eine Saison lang gemeinsam mit dem Team zu wachsen und dann etwas richtig Großes im Visier zu haben. Es ist eine Investition in die nächsten Jahre meiner Laufbahn und in gute Zeiten, die nun hoffentlich kommen.


Jean-Eric Vergne, Dein neuer Teamkollege, hat mir schon vor Jahren sehr offen gesagt, dass Stellantis für ihn auch deshalb so interessant ist, weil man hier mit verschiedenen Marken sich sowohl in der Formel E als auch in der WEC engagieren kann. Das ist auch bei Dir der Fall, du wirst in der Langstrecken-WM und damit auch in Le Mans für Peugeot fahren. Sind deine Motive also ähnlich als bei Vergne?
Das kann man so sagen, wobei mein anderes Engagement nichts an meinem vollen Fokus für das Formel-E-Projekt ändert. Ich bin nun schon seit vielen Jahren in dieser Serie tätig und ich würde mir selbst nie Zugeständnisse erlauben, die meine Leistungen für Citroen irgendwie stören könnten. Ich bin hier, weil ich meine, dass es meine beste Chance ist, um Formel-E-Weltmeister zu werden. Die WEC ist eher ein Bonus, von der alle Seiten profitieren können, da wir ja in vielen Bereichen eine ähnliche Technologie in beiden Serien haben.


Wie groß ist der Kulturschock, wenn man von einem sehr britischen in ein sehr französisches Team wechselt, das noch dazu einen französischen Teamkollegen hat?
Natürlich ist das ein Unterschied und eine Herausforderung – näheres kann ich aber sicher erst nach einer längeren Zeit vergleichen, dafür ist die Zeit noch zu früh. Fest steht, dass hier wesentlich mehr Kaffee getrunken wird als bei den Engländern.


Und wie groß war der Unterschied, wenn man den Antriebshersteller wechselt?
Ich habe viel getestet und war sehr oft im Simulator – mit Sicherheit war das die anstrengendste Off-Season-Phase meiner Karriere. Da ist einfach viel zu tun, von Anfang an. Vor allem, weil ich in der Formel E schon alles erlebt habe – im vergangenen Jahr war ich mit meinem früheren Team mal nicht konkurrenzfähig, und dann wieder total auf Siegeskurs. Die Hierarchien ändern sich hier deutlich schneller als in anderen Serien. Man muss immer voll bei der Sache sein.


Wie anders sind die Antriebs-Systeme?
Man kann Antriebe immer schwer erklären, aber der Wechsel fühlt sich an, als ob ich eine völlig neue Sprache lernen würde – und natürlich ist der Unterschied nun viel größer als er etwa von Envision-Jaguar zum Jaguar-Werksteam war. Das war damals einfach. Da haben sich nur die Leute um mich herum verändert, jetzt ist alles und jeder neu zu verstehen.


Ist das schwierig?
Ja und nein. Es ist manchmal kompliziert, anderseits kann ich viel neues ins Team einbringen. Anderseits können mich die Leute hier mit völlig neuen Einsichten und Einblicken verbessern. Alles hat auch große Vorteile. Wir entwickeln in beeindruckenden Schritten.


Kaum ein Fahrer kennt so viele Rennserien wie Du – Du warst so erfolgreich in Japan im Formelsport und im GT, in der DTM, bist in der WEC. Was macht die Formel E in diesem Umfeld für Dich besonders und attraktiv?
Für mich ist das vor allem die technologische Seite – und der rasante Fortschritt, der vor allem der Software geschuldet ist. Dieses „andere“ Rennen im Bereich Entwicklung kennt keine Boxenstopps, keine Auszeiten, es geht immer nur weiter, weiter, weiter. Für all das habe ich eine enorme Leidenschaft entwickelt, wenn es nicht mein Beruf wäre, könnte man fast von einem Hobby, von einer Passion, sprechen, wenn man über diesen technischen Wettbewerb redet. Das ist der Place to be – was diese Art von Entertainment betrifft, kann eigentlich nur die Formel E einem Fahrer so etwas bieten. So viel zu deiner Frage, was diesen Sport besonders macht.


Wenn ich Dich so reden höre, kommt mir eine Frage in den Sinn: Siehst Du dich als künftigen Teamchef?
Oh, da hast Du mich erwischt (lacht). Gute Frage! In erster Linie sehe ich noch einige gute Jahre als Rennfahrer vor mir. Hoffe ich zumindest. Aber in der Tat sauge ich Informationen aller Art auf, die mich eines Tages so komplett machen, dass ich für einen Job im Bereich Team-Management, Führung, was auch immer, in Frage komme. Langfristig lautet die Antwort also, ohne die Position genau definieren zu wollen: Ja.


Ist es für Dich auch spannend, bei einer großen Marke wie Citroen Einblick in die Entwicklung von Straßenfahrzeugen zu bekommen?
Absolut. Diese Synergien Rennsport und Straße sind superspannend.


Ich bin geflasht, wie viele tolle Rennfahrer Neuseeland hervorbringt. Dani Ricciardo, der selbst natürlich Australier ist, hat am Anfang seiner Karriere einmal zu mir gemeint, dass Piloten aus Ozeanien besondere Stärken hätten: Wenn man als 15-jähriger auf einem 20.000 Kilometer entfernten Kontinent zieht, nimmt man den Sport einfach ernster, als wenn man schnell mal aus Italien oder einem Nachbarland zur italienischen Kart-Meisterschaft anreist. Ist das euer Geheimnis?
Auch eine spannende Frage. Gerade in den vergangenen Jahren haben sich viele Jungs aus Neuseeland in Europas Rennserien durchgesetzt und tolle Erfolge gefeiert. So recht weiß ich selbst nicht, warum das so ist.
Zum einen ist es vielleicht, weil nur die wirklich Guten den weiten Sprung wagen. Zum anderen spielt Motorsport in Neuseeland eine große Rolle: wir haben tolle und viele Rennstrecken und genug Firmen, die in Talente investieren, auch am Anfang. Das gibt vielen Leuten eine Chance.
Und das, mit dem Du Daniel zitiert hast, stimmt auch: Ich war mit 16 auf mich allein gestellt, habe mein ganzes Leben in Europa selbst organisiert. Ich habe gelernt, wie man durch fremde Länder in fremden Sprachen reist. Niemand ist an meiner Seite gewesen – meine Eltern konnten sich das nicht leisten, ich hatte keinen Manager, ich musste alle Probleme selbst lösen. Du lernst im Eilverfahren, super-unabhängig zu sein und für Dich selbst zu arbeiten. Das ist wahrscheinlich hilfreich für den Rest der Karriere.


Jeder weiß, dass Le-Mans-Fahrzeuge und GT-Rennwagen ihren jeweils eigenen Charakter haben. Wie ist es aber mit Formel-E-Antrieben? Fühlt man den Unterschied?
Es gibt definitiv einen einzigartigen Teil, der einen Antrieb individuell macht. Noch spannender sind aber die Menschen, die diese Antriebe machen – und die immer eigene Zugänge zu Themen haben. Jeder hat eine andere Idee, mit einem Gen3-Auto umzugehen, jeder macht sich seine eigenen Gedanken.


Immer noch rümpfen viele traditionelle Motorsport-Fans beim Thema Formel E die Nase.
Ich selbst bin schon einige der legendärsten historischen Rennwagen der Welt gefahren und als Rennsport-Freak verstehe ich die Skepsis. Aber: Es ist einfach auch spannend die Zukunft der Mobilität mitzugestalten. Viele Elemente der Formel E bis hin zum geplanten Super-Charging sind unverzichtbar für die Autos der Zukunft und es ist großartig, dass als Rennsport entscheidend zu entwickeln. Und das Rennformat der Formel E ist superspannend. Wobei ich der Meinung bin, dass diese Serie auf Stadtkurse setzen muss. Am Ende des Tages ist genug Platz für alle Rennserien – die traditionellen, aber eben auch die zukunftsweisenden wie die Formel E.


Lass uns noch kurz über drei andere Rennfahrer reden: Da ist einmal Rallye-Superstar Kalle Rovanperä, der von der Formel 1 träumt und heuer in der japanischen SuperFormula fährt, in der Du Meister warst. Wie siehst Du seinen mutigen Schritt?
Also ich war „blown away“, komplett. Ich habe erst davon erfahren, als ich am frühen Morgen mein E-Mail-Programm öffnete und die Aussendung von Gazoo Toyota gelesen habe – irgendwie bin ich immer noch in deren Verteiler. Mich hat es umgehauen, als ich die Headline „Rovanperä in die Superformula“ gelesen habe. Ich schrie laut auf: „What???“
Es ist cool und überraschend. Ich finde, er wird Zeit brauchen, um sich an all das Neue zu gewöhnen und daher finde ich es gut, dass sie gleich einen Zweijahresplan mit ihm konzipiert haben. Diese zwei Jahre braucht es und es ist wichtig, dass er sie bekommt und diese zwei Jahre sind wichtig und sie werden über alles Folgende entscheiden. Ich hoffe sehr, dass es eine der Geschichen wird, der wir alle mit gespitzten Ohren folgen und die der Grund sind, warum wir den Motorsport so lieben. Es wird super interessant.


Was macht die Superformula besonders?
Es ist vor allem dieses High-Downforce-Element, dass die Serie cool macht.


Lucas Auer, unser DTM-Hero, ist dort auch gefahren und ein sehr guter Freund von Dir.
Ja, wir batteln uns schon seit Kindheitstagen, er ist ein super Typ. Natürlich habe ich das DTM-Finale gebannt am Stream live verfolgt und mitgezittert. Wäre toll, wenn er dort einmal Meister wird – 2025 war es ja hauchdünn. Leider war er in Kombination mit seinem Auto in Hockenheim nicht siegfähig, dadurch war man den Ereignissen vorne im Feld ausgeliefert.


Jean-Eric Vergne ist nun Dein Teamkollege bei Citroen. Manche sind überrascht über diese Kombination, ihr wart lange Rivalen und nach einem Zwischenfall in Misano 2024 gab es einen heftigen Streit zwischen euch.
Im Rennsport gibt es hitzige Momente, aber auch immer wieder die Chance, sich neu zu finden. In Wahrheit war „JEV“ ein entscheidender Punkt, dass ich mich für Citroen entschieden habe. Er hat mir Lust darauf gemacht und bei ihm im Team zu sein, das garantiert einfach Professionalität. Und genau so professionell fühlt es sich bei Citroen an.


Freust Du Dich in der Formel E auf jedes Rennen?
Ja. Mal wirst Du Zweiter, mal 15. Es gibt Rennen wie Monaco oder Djakarta, die kannst du nur von vorne gewinnen. Aber in vielen anderen kannst du von ganz weiten hinten noch siegen. Das ist das großartige in der Formel E. In anderen Serien war ich manchmal nach der zweiten Kurve Dritter und ich wusste, dass ich am Ende des Rennens auch Dritter sein werde. In der Hinsicht bietet die Formel E viel mehr Spannung.

Die Formel E fährt am Samstag, 10. Jänner, ihr 150. Rennen. Das 1. Freie Training findet am Freitag um 23:00 Uhr (MEZ) statt. Am Samstag geht es dann um 14:30 Uhr mit dem 2, Freien Training weiter, bevor um 16:40 Uhr das Qualifying beginnt. Rennstart ist um 21:05 Uhr.

Nick Cassidy fühlt sich nach Jahren in Jaguar-Diensten nun bei Citroen wie zu Hause.Nick Cassidy fühlt sich nach Jahren in Jaguar-Diensten nun bei Citroen wie zu Hause.
Nick Cassidy am Podium – neben Lawson, Evans oder Hartley ist er einer der vielen schnellen Neuseeländer im Rennsport.Nick Cassidy am Podium – neben Lawson, Evans oder Hartley ist er einer der vielen schnellen Neuseeländer im Rennsport.
Beim ersten internationalen (!) Formel-Rennen in der Geschichte von Citroen kam Nick Cassidy gleich auf einen Podiumsplatz.Beim ersten internationalen (!) Formel-Rennen in der Geschichte von Citroen kam Nick Cassidy gleich auf einen Podiumsplatz.
Nick Cassidy ist einer der erfolgreichsten Piloten der Formel-E-Geschichte.Nick Cassidy ist einer der erfolgreichsten Piloten der Formel-E-Geschichte.
Voll im Stellantis-Modus: In der WEC ist Citroen-Neuzugang Nick Cassidy für Peugeot unterwegs.Voll im Stellantis-Modus: In der WEC ist Citroen-Neuzugang Nick Cassidy für Peugeot unterwegs.
In der DTM gewann Nick Cassidy 2022 vor Zehntausenden österreichischen Fans in Spielberg.In der DTM gewann Nick Cassidy 2022 vor Zehntausenden österreichischen Fans in Spielberg.
Bestens vernetzt: Nick Cassidy, hier mit Gerhard Berger und Dr. Helmut Marko.Bestens vernetzt: Nick Cassidy, hier mit Gerhard Berger und Dr. Helmut Marko.
Jean-Eric Vergne: Der langjährige Erzrivale von Nick Cassidy war ein Mitgrund, warum der Neuseeländer nun mit ihm bei Citroen fährt.Jean-Eric Vergne: Der langjährige Erzrivale von Nick Cassidy war ein Mitgrund, warum der Neuseeländer nun mit ihm bei Citroen fährt.
ZURÜCK ZUR ÜBERSICHT