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JEAN-ERIC VERGNE: DER PEUGEOT-STAR IM INTERVIEW

Vergne: "Ich fühlte mich klein!"

Jean-Eric Vergne ist einer der vielseitigsten Rennfahrer der Welt: der erfolgreichste Pilot der Formel-E-Geschichte (zwei Meistertitel) ist einer der Stars bei Peugeots Angriff auf die 24 Stunden von Le Mans, ab 2022 startet er mit dem Hypercar. Mit Motorprofis.at spricht der Österreich-Fan über seinen Glauben an das Universum, die ideale Situation zwischen DS und Peugeot, die wesentlichen Aufgaben im Simulator und den aufregenden Kampf der Konzepte bei den künftigen Le-Mans-Boliden.

Wenn man über das Le-Mans-Giganten-Duell der Zukunft redet, spricht man außerhalb Frankreichs erst einmal vom Duell Porsche gegen Ferrari. Wie fühlt sich das für Dich als Peugeot-Werksfahrer an?
JEAN-ERIC VERGNE: Je mehr die Leute über dieses eine Duell reden, desto mehr Menschen würde es auffallen, wenn wir es dann sind, die gewinnen. Es ist aufregend wie hoch das Interesse an der Langstrecken-WM und ihren Traditionsmarken zu sein scheint – aber wenn es dann los geht, geht es nur mehr um die Gewinner. Es ist also unser Job zu tun, was zu tun ist – und diese Rivalen zu schlagen. Aber bitte vergesst mir dabei nicht auf Toyota – Toyota hat eine riesige Erfahrung in der Le-Mans-Geschichte. Sie sind bei weitem das erfahrenste Team der Gegenwart, also gilt es für alle erst einmal Toyota zu besiegen. Es ist also großartig, wie viele Emotion dieses Rennen im Besonderen auslöst.


Du bist für mich der Prototyp eines echten Racers und du bist unweit von Le Mans, in Paris, aufgewachsen. Wie viel Faszination muss da dieses 24-Stunden-Rennen für Dich als Kind ausgeübt haben?
JEAN-ERIC VERGNE: Eigentlich hat die relativ spät begonnen. Als ich Kart gefahren bin, da habe ich mich nur darauf konzentriert – nicht auf das, was sonst so im Motorsport passiert ist. Wie ich dann selber mit Formel-Autos fahren wollte, war mein erstes Mal ausgerechnet in Le Mans – in der Formel Campus. Dieser Test war 2006 – und ich erinnere mich noch genau daran. Ich kam von der Kartbahn und dann sah ich diese Rennstrecke, mit diesen riesigen Boxen. Das war ich in keiner Weise gewohnt. Um ehrlich zu sein: Ich habe mich sehr klein gefühlt. Vielleicht so wie sich ein Gladiator vor 2000 Jahren gefühlt haben mag, der zum ersten Mal in die Arena kam.
Und ähnlich war es dann bei meinem ersten 24-Stunden-Rennen hier: die Hubschrauber und die Flugzeuge, zehntausende, ja hunderttausende Menschen um dich herum, und dann noch als Franzose die Marseillaise zu hören – dieses Gefühl werde ich nie mehr vergessen. Le Mans ist das größte Rennen. Das, das jeder gewinnen will. Monaco Formel 1, Indy 500, Le Mans – diese drei stehen für die meisten von uns Fahrern über allen.


Wie sehen eure Vorbereitungen aus? Seid ihr im Zeitplan?
Ja, das sind wir! Wobei es ist ja alles noch recht früh, ich fahre – wie meine Kollegen – im Simulator. Übrigens ein sehr, sehr guter! Im Team hat man großartige Arbeit geleistet – hin am Weg von etwas, das nur in den Gehirnen war, zu etwas, das man angreifen, berühren kann. Jetzt kommen die Feedbacks von den Fahrern, die im Sim unterwegs sind – und wir arbeiten uns Schritt für Schritt in die richtige Richtung. Das Ziel ist es, dass Simulation und Realität so nah kommen wie nur irgendwie möglich. Ende 2021 wollen wir dann mit dem aus diesen Daten entwickelten Rennwagen erstmals mit den Rädern auf der Rennstrecke stehen. Jeder fiebert diesen Moment entgegen.


Der Simulator hat eine sehr entscheidende Bedeutung in diesen Monaten. Und man kann ohne Übertreibung sagen: wenige Rennfahrer haben eine so beeindruckende Simulator-Vita wie Du.
Ja, es war interessant zum ersten Mal drinnen zu sitzen, die kleinen Details zu sehen, die Leute hinter dem Ganzen näher kennenzulernen. Wir haben Briefings, Diskussionen, es geht voran. Und, ja, um auf deine Anmerkung einzugehen: ich war bei Red Bull und bei Ferrari und ich kenne beide Simulatoren sehr gut. Sie haben Unterschiede. Manchmal sind sie wie eine Bubble, manchmal offen. Der eine bewegt sich und rüttelt, der andere nicht. Jener bei DS in der Formel E bewegt sich weniger, aber das ist nicht relevant. Da geht es mehr um die Daten, die wir erarbeiten als um dieses Gefühl auf der Strecke zu sein.


Kann und wird deine große Erfahrung aus Formel 1 und Formel E euch entscheidend weiterbringen?
Das kann durchaus sein – das gilt aber auch für alle anderen Fahrer, die von Peugeot für dieses Programm ausgewählt worden sind, egal von wo sie kommen. Zudem bin ich nicht der einzige Ex-F1-Fahrer. Und ich bin nicht der einzige mit Formel-E-Erfahrung, auch Loic Duval hat ja einige Rennen gemacht.  Zusammen können wir dem Team sicher helfen – im Auto, am Simulator. Seit Jahren geht der Trend stark in die Richtung, die besten Simulatoren zu entwickeln. Es ist eine Art Rennen vor dem Rennen. Wenn Du heutzutage an der Strecke ankommst, dann muss das Auto schon ein sehr gutes Setup haben, da sollten alle Basis-Einstellungen stimmen.

Unterscheiden sich da Formel E und WEC?
In der Formel E ist das dann noch einmal anders, denn dort haben wir sehr wenige Trainingseinheiten und die sind sehr kurz. Daher ist die Bedeutung der Simulation in der Formel E noch einmal größer. Hier musst du sofort da sein, danach kann man nicht mehr viel tun. Bei WEC-Rennen und vor allem in Le Mans hast du noch viele Trainingssitzungen, du kannst viel am Auto machen. Davor hattest du schon einen 24-Stunden-Test und zahlreiche Übungsfahrten. Daher geht es in der WEC-Simulation eher weniger um die Abstimmung, sondern vor allem um die Haltbarkeit. In Le Mans ist es nicht nur wichtig, dass du schnell bist, sondern dass du bis zum Ende schnell sein kannst. Daran müssen wir schon im Simulator arbeiten, es ist das Wichtigste. Es muss jedes Stück am Auto, auch das kleinste, über die gesamte Distanz halten.


Das Duell der Hypercars gegen die Lmdh-Autos wird Le Mans in Zukunft definieren. Wie ist deine Erwartung an diesen Kampf der Systeme, diesem Wettrennen verschiedener Technologien?
Das ist eine ganz grandiose Sache! Das Reglement gibt den Ingenieuren viele Freiheiten und die Chance, etwas ganz Besonderes, etwas Individuelles zu entwickeln. Du kannst dich im großzügigen Reglement sehr gut bewegen und wir werden was ganz Tolles sehen: nämlich Autos, die sich voneinander wieder richtig stark unterscheiden. Es gibt viele angedachte Wege an letztlich nur ein einziges Ziel: zu gewinnen! Wenn wir an die Strecke gehen, werden wir herausfinden, wessen Weg der beste war, wer das überzeugendste Konzept hat. Das Reglement ist, wie es ist – es muss dann viele Jahren halten und konstant bleiben, daher ist es absolut wichtig, richtige Entscheidungen heute zu treffen, ihre Konsequenzen wird man dann erst sehen. Ich kann jetzt nur sagen: wir glauben, dass wir das richtige tun. Sicherheit hat aber jetzt keiner, kein Team hat das. Bis wir zum ersten Mal gegeneinander fahren, uns an der Strecke treffen und sehen wer wo steht. Und wie groß die Unterschiede sein werden.


Dazu kommt ein weiterer Unsicherheitsfaktor …
…die Balance of Performance, das Leistungsgewicht. Im Moment habe ich noch keine Ahnung wie das funktionieren wird, ob man eine für alle faire Berechnung findet. Wenn das dann näher an das Rennen geht, wird es brisanter werden, politischer. Aber es wird aufregend, ganz besonders der erste Tag.


Wie oft siehst Du die anderen sechs Mitglieder des Peugeot-Fahrerkaders? In Corona-Zeiten ist das Reisen ja immer noch kompliziert.
Es ist ein Albtraum, ich bin schon so müde von all dem. Ich wüsste gar nicht wie viele PCR-Tests ich hatte, das kann man nicht zählen. James Rossiter sehe ich aber fast jeden Tag, wir arbeiten sehr eng zusammen, er ist Reservefahrer bei DS Techeetah. Und mit Loic Duval hatte ich ein Dinner in der Schweiz. Wir kennen uns schon ewig, er brennt für dieses Projekt.


Mit Kevin Magnussen, Paul di Resta und Dir sind gleich drei Ex-Formel-1-Piloten dabei. Ein Vorteil?
Ja, aus einigen Gründen. Der erste ist, dass das das Level an Professionalität in der Formel 1 das Höchste im Motorsport ist.  Daher glaube ich, dass wir viele Werkzeuge einbringen können, was Arbeiten auf höchstem Niveau betrifft. Weißt Du: Im Meeting oder im Simulator sind alle gleich, wir arbeiten Fragen ab und versuchen diese zu lösen. Aber es wird anders wenn die Zeit des Drucks kommt. Und die wird kommen. Dann müssen wir Älteren den Jüngeren helfen, dann müssen wir aufrecht im Sturm stehen, das Team zusammenhalten, Reife zeigen.


Viele Rennfahrer suchen interessante Jobs, Du hast gleich zwei davon: du fährst für DS Techeetah in der Formel E und künftig für Peugeot in der WEC.
Um ehrlich zu sein: es ist ein Traum! Ich habe dem Universum vertraut, das es so kommt – und jetzt ist genau das Gewünschte eingetreten. Ich hatte in der Formel E immer schon DS im Blick und durchaus mit dem Hintergedanken, das Peugeot eines Tages nach Le Mans zurückkommt und ich dann schon im Konzern bin. Ich war ja schon bei DS Virgin, aber es kam zur Trennung, weil das mit Virgin nicht funktionierte. Mit dem DS-Teil des Teams war ich aber immer in gutem Kontakt. Ich habe dann mit Techeetah den Titel gewonnen mit einem Renault, dem damals besten Antrieb.


Und dann kam zusammen, was für Dich zusammengehört.
Als ich DS verlassen habe, sagte ich zum Team: „Wir sehen uns wieder.“ Und tatsächlich kam DS dann zu Techeetah. Ich hatte ihnen immer von unserem Team erzählt und das es dort viel weniger Politik gibt als bei Virgin. Und dann waren wir wieder zusammen – eine Hochzeit hatte die nächste ausgelöst, was eher selten vorkommt. Und jetzt bin ich auch Teil des Peugeot-Teams, WEC und Formel E harmonieren gut, auch vom Kalender her. So viele Fahrer sind in beiden Serien aktiv, da wird man aufeinander Rücksicht nehmen. Freilich kann es aber bei Tests und anderen Events Terminkollisionen geben. Da aber meine beiden Teams zum selben Konzern gehören und nur wenige Meter voneinander entfernt sind, kann man sich alles ausreden. Es ist ein Traum, ich bin glücklich mit dieser Situation.


Alles Gute und Danke für das Interview.
Sehr gern. Grüß mir Österreich, ich war dort sehr viel und ich mag das Land sehr gern.


Was macht Jean-Eric Vergne so stark? Lesen Sie es in dieser Story nach seinem zweiten Formel-E-Titel.
Unser Interview mit Vergnes Peugeot-Teamkollegen Paul di Resta lesen Sie hier.
Und unter diesem Link erfahren Sie mehr über den 508 Peugeot Sport Engineered (PSE), der in der Rennabteilung von Peugeot entstanden ist und das Straßen-Pedant zum Rennauto werden soll.
Alles zu den sieben Fahrern, ihre Portraits und ihre ersten Statements nach der Präsentation lesen Sie hier.

Der 508 PEUGEOT SPORT ENGINEERED ist die Quintessenz des Know-hows der Ingenieure von PEUGEOT Sport und ein technologisches Vorzeigemodell. Mit seinem 360-PS-Antriebsstrang (265 kW) ist er das stärkste jemals von Peugeot gebaute Serienfahrzeug.Der 508 PEUGEOT SPORT ENGINEERED ist die Quintessenz des Know-hows der Ingenieure von PEUGEOT Sport und ein technologisches Vorzeigemodell. Mit seinem 360-PS-Antriebsstrang (265 kW) ist er das stärkste jemals von Peugeot gebaute Serienfahrzeug.
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